veganmarathon

aus dem laufalltag eines turtlerunners


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Die nackte Angst

Vorab möchte ich sagen: das hier wird kein schöner Artikel! Nix mit Friede, Freude und Eier(satz)kuchen. Nein, heute geht es um die hässlichen Dinge des Läuferlebens. Es mag auch gut sein, dass ich mit dieser Thematik ganz alleine auf dieser Welt bin – aber ich vermute, eher nicht. Da dies aber auch ein Teil vom großen Ganzen ist, schreibe ich heute darüber, auch wenn ich lieber über die schönen Lauferlebnisse schreibe.

Angefangen hat das Drama bereits letzten Oktober. Direkt nach dem Viertelmarathon stieg ich aus meinen Laufschuhen mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck. 12 Kilometer laufen mit angeknackster kleiner Zehe – kein Problem. Aber fragt nicht nach den Zehennägeln! Der erste Anblick danach: einer war komplett blau, der andere tendierte zu einem leichten hellrosablassblau. „Das vergeht wieder“, dachte ich mir und humpelte von dannen. Ein paar Tage später war die Farbgebung noch etwas intensiver, der Schmerz war mehr oder weniger abgeklungen.

Drei Monate später

Nagel immer noch dunkelblau – Schmerzen hin und wieder, je nach Intensität des Laufens. Meine Erkundungen ergaben folgendes: es gibt Läufer, die damit ständig Probleme haben und auch hin und wieder einen der geliebten Nägel verlieren. Einfach so. Außerdem dürfe man sich als Läufer sowieso keine hübschen Nägel erwarten. Ok, hab ich halt keine hübschen Nägel, wen interessiert’s.

In der Zwischenzeit waren meine beiden Zeigefußnägel (also jeweils derjenige neben dem großen Zeh) etwas seltsam, was die Nägel anging. Viel fester und irgendwie sahen beide so aus, als wäre drunter noch ein zweiter Nagel. Schneiden ging nicht mehr (da zu dick) also schleifte ich sie mit der Nagelfeile. So nach 5 Monaten war dann auch endlich das Blau vom Oktober herausgewachsen. So weit, so gut.

Seit ca. 3 Wochen plagten mich dann nicht ganz definierbare Knieschmerzen, die vor allem nachts auftraten. Beim Laufen selber hatte ich kein Problem, eher in Ruhestellung. Termin beim Orthopäden – schließlich will ich ja nichts verschleppen vor meinem Halbmarathon. Innerhalb einer Woche einen Termin bekommen. Heute hingefahren. Wurde von dem guten Doktor gleich mal in den Schwitzkasten genonmmen und das meine ich wortwörtlich. Da wurde gebiegt, gedrückt und gezogen und es machte knacks, knacks, knacks … alles wieder da, wo es hingehört. Rücken in Ordnung, Knie in Ordnung, Hüfte in Ordnung – eigentlich alles in Ordnung. Ursache der Knieschmerzen: unauffindbar. Eventuell eine Fehlbelastung. Wir könnten mal Einlagen versuchen.

Ziehen Sie bitte mal die Socken aus!

Wer? Ich? Socken ausziehen? Es hätte nicht schlimmer sein können, hätte er mich aufgefordert, nackt Samba zu tanzen im Behandlungszimmer. Seit geraumer Zeit mag ich die Füße nämlich nicht mehr herzeigen. Die sind einfach häßlich. Aber so ist das halt als Läuferin. Widerwillig zog ich meine Socken aus, drei der Zehen in schickem neuen Blauton (danke 13 km – Wälderlauf vor 2 Wochen) und plötzlich herrschte betretenes Schweigen. „Was hast du denn damit angestellt?“

Wer? Ich? Na, gar nix! Ich bin gelaufen. Wälderlauf und so … was kann ich denn dafür? „Du musst die Nägel kürzer machen, das tut doch weh!“ Ja, wie denn? Geht ja nicht, wenn die Dinger so bockhart sind. Meine Feile ist am Ende ihrer Kräfte angelangt. Er geht nochmal um meine Füße rum, begutachtet sie wie zwei seltene Tiere im Zoo – und ruft dann der Assistentin zu: „Sofort Überweisung zum Hautarzt!“

Dann quatscht er was von wegen Nagelpilz und Nägel runterschleifen und behandeln und Pediküre und, und, und … mein Hirn schaltet ab. Alles, was ich höre ist, dass er jemanden an meine Nägel ranlassen will. Und das ist so ziemlich das Schrecklichste was ich mir vorstellen kann. Wurzelbehandlung beim Zahnarzt? Kein Problem! Falls also jemand tauschen möchte …

Es gibt zwei Dinge (bis jetzt) an die ich nur im absoluten Leben-oder-Tod-Fall jemanden ranlasse: das sind meine Nebenhöhlen (gebranntes Kind nach einer OP vor 12 Jahren) und meine Zehennägel. Woher diese Phobie kommt weiß niemand so genau und wenn ich ehrlich bin, ist es mir auch völlig egal. Fakt ist: ich habe eine Scheiß-Panik davor, dass jemand – noch dazu ein Arzt – meine Nägel anfasst und damit Dinge tut, die ich mir jetzt noch nicht mal vorzustellen vermag. ANGST!

Mir fallen dann Geschichten ein wie der Typ, der sich seine Zehennägel für den Badwater Ultramarathon operativ entfernen ließ, damit er keine Probleme damit hatte und wenn ich das nur höre, rollt’s mir schon wieder die Zehennägel auf. Aaaaahhhh, was für eine widerliche Vorstellung. Leute, ich mach mir echt ins Hemd. Ich weiß, das ist peinlich, aber ich kann nicht anders.

Und ich schreib das hier nur aus 3 Gründen

a) vielleicht geht es jemandem ähnlich und ich mache ihn darauf aufmerksam, dass er das evtl. auch mal beim Arzt checken lässt und nicht wie ich ein dreiviertel Jahr damit durch die Gegend rennt

b) vielleicht geht es jemandem ähnlich und derjenige hat die absolut beruhigendsten Worte für mich, weil  das alles total easy und überhaupt nicht eklig ist sondern im Gegenteil die absolute Wohltat und ich mich hinterher frage: wieso erst jetzt?

c) vielleicht geht es überhaupt niemandem hier auch nur in entferntester Weise so und ich ernte für meine offen dargelegte Panikattacke wenigsten eine kleine Runde Mitleid

 

Übermorgen, Mittwoch um 9 Uhr habe ich Termin beim Hautarzt. Bis dahin muss ich mir noch was einfallen lassen, damit ich nicht bereits vorher kollabiere. Reicht ja dann, wenn ich auf dem Stuhl sitze und es wieder heißt:

Ziehen Sie bitte mal die Socken aus!

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