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aus dem laufalltag eines turtlerunners


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Der WOW-Lauf beim Bodensee Frauenlauf 2014

Müsste ich diesen Lauf mit einem Wort beschreiben, dann wär’s einfach nur: WOW!

Sowas wie gestern habe ich noch nie erlebt. Alles, was ich bei meinem 1. Frauenlauf 2012 an zweifelhaftem Feedback geerntet habe, habe ich gestern in doppelt und dreifacher Form POSITIV zurückbekommen. Und das lag an meinem tollen Team!

Die WOW-Frauen: 

Cindy, Karin, Seline, Kerstin, Andrea, Marlene, Rikke und Yvonne – alle unterschiedlich und doch viel gemeinsam: die Freude am Frauenlauf und den Teamgeist! Nicht zu vergessen die beiden fabelhaften Journalistinnen, die uns begleitet haben: Marlies von den Vorarlberger Nachrichten und Susi von der Schwäbischen Zeitung. Es war eine Wahnsinns-Truppe, mit der ich die Shoppingmesse des Bodensee-Frauenlaufs gestürmt habe. Gemeinsam waren wir anschließend beim offiziellen Fotoshooting und stellten fest, dass Andreas Hosenbund seinen Dienst nicht mehr tun wollte. Aber wozu waren wir auf einer sportlichen Shopping-Messe? Schnell noch eine neue Hose für Andrea organisiert und nagelneue pinke Kompressionsstrümpfe fanden auch die dazu passenden Waden in unserer Gruppe.

Der WOW-Lauf: 

Wie angekündigt, starteten wir ganz am Ende auf der Lindauer Seebrücke. Hinter uns war niemand mehr außer dem Einsatzfahrzeug vom BRK. Ich durfte offiziell mit einer „Ihr seid spitze“-Fahne auf dem Rücken das Feld abschließen und so liefen wir los. Die Turtletruppe teilte sich bereits zu Beginn in zwei Felder: die Speed-Turtles mit Cindy, Rikke, Andrea, Seline und VN-Redakteurin Marlies führten das Feld an und waren relativ zügig außer Sichtweite. Karin, Kerstin, Marlene, ihre Mutter Yvonne und ich bildeten das Schlusslicht und pendelten uns bei einem konstanten Pace von 9:45 ein. Hinter uns ständig das BRK, teilweise 2 Polizeiautos, THW und weiteres Gefolge.

Für mich war das sehr spannend, da es exakt das Tempo war, das ich bereits vor 2 Jahren bei meinem Debüt lief. Damals mit einem Puls von über 170 und argen körperlichen Problemen. Heute mit einem Puls von 155 (dank der ganzen Aufregung) und einer körperlichen Fitness, die es mir erlaubte, endlich die wunderschöne Strecke zu genießen. Spannend, die Mädels zu begleiten, die teils verblüffend ähnlich fit waren, wie ich damals. Und noch viel verblüffender waren die Reaktionen der Zuschauer. Es waren nicht mehr viele da, wo wir auch hinkamen. Aber die, die noch da waren, die klatschten, feuerten uns an und trieben unseren Puls in die Höhe. Nach 6 Kilometern lachte Marlene, dass sie schon Muskelkater habe – im Gesicht vor lauter Lachen! Vier nette, junge Herren im Schrebergarten direkt an der Strecke boten uns kalte Getränke an – ein paar ausgeflippte Zaungäste sorgten für Party – und am Kaiserstrand gab es sogar eine LaOla-Welle für uns mit Dusche aus dem Gartenschlauch für jede einzelne von uns.

Wir hatten unseren persönlichen Betreuer, von dem ich leider nicht weiß, wer er ist oder wie er heißt, aber falls er mitliest: DANKE! Er hat hinter uns die Strecke abgeräumt, die Schilder abgenommen und vor uns dafür gesorgt, dass wir wissen, wo wir hin müssen, hat den Weg für uns frei gemacht und als wir auf die Seebühne getrabt sind, lief er voraus und rief laut: „Achtung! Achtung! Aus dem Weg!“ – sowas kannte ich bisher nur von den schnellen Läufern, für die der Weg freigemacht wird. Gestern wurde der Weg für uns freigemacht. Ich habe mich wirklich noch nie so besonders gefühlt beim Laufen – im positiven Sinne! Bei Kilometer 8 wartete Speed-Turtle Andrea auf uns, die meinte, sie will den Rest mit uns gemeinsam laufen. Sie war so begeistert von ihrem Lauf, dass sie mir erzählte: „Die Hemmschwelle, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen, die ist jetzt weg. Ich lauf weiter!“ Ach, ich hätte grad heulen können, so schön war das.

Bei Kilometer 9 liefen Marlene und ihre Mama Yvonne vor mir, als aus der Menge am Rand plötzlich Hannes, Marlenes Papa und Yvonnes Mann, heraustritt. Zusammen mit ihnen läuft er Richtung Casino-Stadion – so stolz auf seine beiden Frauen, die heute zum ersten Mal 10 Kilometer liefen und bis zuletzt nicht sicher waren, ob sie es schaffen! Das war ein Bild, kann ich euch sagen …

Kerstin, die überhaupt zum allerersten Mal solch eine Strecke lief, kämpfte bis zum Schluss! Und hat es geschafft, gemeinsam mit Karins Unterstützung, die ständig dafür sorgte, dass sie nicht alleine lief. Beständig zwei Meter vor dem Wagen des BRK liefen die beiden von Lindau nach Bregenz.

Und dann liefen wir auf den Eingangsbogen vom Casino-Stadion zu – ein motorisierter Streckenposten hupte, fuhr vor uns her und kündigte uns an – und plötzlich waren auch die anderen wieder da: Seline, Cindy und Rikke holten uns ab. Wir fassten uns an den Händen und liefen auf unseren letzten Metern durchs Casino-Stadion – angefeuert von Daniela und Michaela und Evi, meinen neuen Bodensee-Frauenlauf-Freundinnen, die ich auf der Pressekonferenz kennengelernt hatte. Die machten vielleicht einen Lärm für uns, ärger als der Rest des Stadions 😉

Wir alle liefen in 1 Stunde, 39 Minuten und ein paar Sekunden ins Ziel – die Zielzeitvorstellung lag bei den meisten übrigens bei rund 2 Stunden. Es war einfach großartig! Mit nichts zu vergleichen – ich habe so etwas wirklich noch nie erlebt. Und auch wenn ich weiß, dass ich mir am 21.6.2014 beim Wälderlauf mal wieder alles abverlangen werde, muss ich sagen: das will ich wieder! Turtlerun mit Fahne auf dem Rücken, das bewusste Schlusslicht sein, andere Frauen (gerne auch Männer) begleiten bei ihren Schritten ins Wettlauf-Geschehen … das ist wirklich mein Ding!

Zieleinlauf!

Und jetzt wird’s Zeit für ein paar Dankeschöns:

Allen voran Verena und Patricia, den beiden Schwestern, die den Bodensee Frauenlauf gegründet haben. Ihr beide seid so dermaßen spitze und ich danke euch von ganzem Herzen, dass ihr mir/uns diese Möglichkeit geboten habt! Wir bewegen damit so viel mehr, als man auf den ersten Blick sieht. Ihr lebt euer Motto, dass bei eurem Frauenlauf jede Frau eine Siegerin ist. Wirklich jede. Auch die, die erst 30 Minuten später als alle anderen ins Ziel kommt. Das würde ich mir noch für ganz viele Läufe auf dieser Welt wünschen. Dass ihr mich so gefördert habt und sogar noch mit einer offiziellen Frauenlauffahne habt laufen lassen, das vergesse ich euch nie und ich bin so dankbar, dass dieses Mal Frauen mitlaufen konnte, die sich das sonst niemals getraut hätten und die ich mit einem Selbstbewusstsein begleiten konnte, das ich sonst nie entwickelt hätte, einfach weil ich wusste, es ist von euch aus vollkommen in Ordnung, dass wir so langsam sind! DANKE!

Den Streckenposten und dem BRK-Team, die uns über 10 Kilometer mit einer stoischen Ruhe begleitet haben. Die gebremst und gewartet haben, als Kerstin sich nach 2 Kilometern den Schuh wieder binden musste. Die ständig da waren, die uns den Weg freigeräumt und hinter uns aufgeräumt haben. Die an den Wasserständen noch warteten, mit einem Becher Wasser und einem Gartenschlauch. Die, obwohl sie wegen uns Überstunden machen mussten, applaudiert haben, als wir ankamen (möglicherweise auch aus Erleichterung, dass endlich Feierabend ist, haha …)  – es war toll, euch in unserem Rücken zu wissen und sorgte für ein gewisses Gefühl der Sicherheit (gut, ein wenig Verfolgungswahn war evtl. auch dabei).

Den Zuschauern am Straßenrand, die immer noch da waren und für jeden von uns noch einen aufmunternden Spruch parat hatten. Die applaudiert haben, gelacht haben und uns angefeuert haben. Und besonders danke ich jenem Mann, dem ich ein neues Judith-Zitat verdanke, das mir völlig spontan entwich, als er fragte, ob wir zwischendrin einkehren waren, denn wir würden noch so frisch aussehen. „Tja, so ist das“, habe ich geantwortet, „Wer langsamer läuft, ist länger frisch!“

Unseren beiden bewegten Journalistinnen Susi und Marlies. Die uns beide auf ihre Weise und in ihrem Tempo begleitet haben, die es sich nicht nehmen lassen, von dieser Aktion in der lokalen Presse zu berichten. Und das obwohl wir so gar nicht der Norm entsprechen. Heutzutage gewinnt meist der, der schneller, höher, weiter kann – und landet damit auch in den Nachrichten. Ihr beide macht es möglich, dass eine Zeitlang auch mal die in den Lokalnachrichten landen, die genau das nicht sind. Danke euch von ganzem Herzen dafür und ich war gestern sehr stolz, euch in unserem Team zu haben!

Das Schlusswort überlasse ich heute meinem 5-jährigen Neffen Constantin. Der mich mit großen Augen am Abend ansah, als ich mit der Medaille nach Hause kam und fragte:

„Bist du die Erste geworden, Tante Judith?“

„Nein, Schatz, ich bin die letzte geworden.“

„Bist du Dritte geworden?“

„Nein, Constantin, letzte.“

Er überlegt kurz und meint dann: „Aber vielleicht könntest du beim nächsten Mal die Zweite werden. Wenn du etwas mehr übst.“ 

Irgendwann erkläre ich ihm vielleicht, dass man auch als Letzte die Erste sein kann. Aber nicht heute.

Freude nach dem Lauf!

 


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Slow down – die Entdeckung der Langsamkeit

Als ich anfing zu laufen, habe ich bereits die Langsamkeit für mich entdeckt. Kein Wunder, denn viel anderes gab es für mich nicht zu entdecken. Und nach meinem letzten Wettlauf am vergangenen Samstag, begann ich wieder mal nachzudenken. Den irgendwas stimmte nicht mehr.

Ich fühlte mich nicht gut. Ok, ich war gerade erkältet und musste ein paar Tage Laufpause einlegen, was auch nicht gerade förderlich für mein Wohlbefinden war. Und so stand ich also zwischen sportlich gekleideten Menschen, die sich in 2-er Teams gruppierten und dachte mir mal wieder:

Wieso tust du dir diesen Mist eigentlich an?

Dann begann das Warmlaufen. Dann begann der Countdown der letzten 60 Sekunden und ich hörte auf, nachzudenken. Dann ertönte der Startschuss. Ich lief los, denn ich durfte die erste Runde absolvieren. 800 Meter, danach Wechsel mit dem Teampartner, der die 2. Runde lief. Ich rannte also und war nach kurzer Zeit in meinem GA3-Bereich bei rund 175 Schlägen pro Minute. Ich fühlte mich gar nicht so schlecht. Die 800 Meter waren bald geschafft und insgesamt lief ich 7 Runden, mein Mann 6 Runden. Als Team schafften wir 13 Runden für den guten Zweck und sicherten uns damit den 8. Platz in unserer Altersklasse. Insgesamt gab es neun.

Ich bin also gerannt wie der Teufel. Herzklopfen bis zum Anschlag. Und wurde mit dieser Leistung Vorletzte. Ich würde ja gern sagen, es lag an meinem Mann – aber das ist nicht so. Hätte er mich nicht an der Backe gehabt, hätte der bestimmt noch 2-3 Runden draufgelegt. Zuhause war ich dann total gestresst und überlegte mir Dinge, wie:

  • Sind bei solchen Läufen denn nur überdurchschnittlich gute Läufer dabei?
  • Oder bin ich einfach so schlecht?
  • Und wenn ich so schlecht bin, dann bin ich damit doch nicht allein auf der Welt?
  • Wo sind all die andern langsamen Läufer?
  • Nehmen die nicht an solchen Läufen teil?
  • Wieso denn nicht?
  • Trauen sie sich nicht?
  • Weil sie dann möglicherweise letzter oder vorletzter wären?
  • Was ist hier eigentlich los?

Ich habe die letzte Zeit versucht, einer Zeit hinterherzurennen, die ich (noch) nicht in der Lage bin zu schaffen. Mein Traum war es, beim Frauenlauf die 10 Kilometer unter 60 Minuten zu schaffen. Und wieso will ich das?

Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung.

Denn ich habe als langsame Läuferin angefangen und mein Wunsch war es immer, anderen langsamen Läufern Mut zu machen. Damit sie auch mitlaufen, damit wir uns gemeinsam am Ende der Wertungszeiten wiederfinden. Und das Paradoxe ist ja: Sogar wenn ich die 10 Kilometer unter 60 Minuten schaffen würde – sogar dann wäre ich nur im Mittelfeld, allerhöchstens.

Und mal ehrlich: im Mittelfeld gibt es sooooo viele! Da braucht’s mich nicht auch noch.

Ich bleibe lieber hinten, genieße meine Zeit und meine Läufe und habe viel länger was vom Wettkampf, von der Strecke, von den Leuten, von der Atmosphäre. Denn, wie ein weiser Mann kürzlich via Facebook zu mir sagte:

Warum sollte ich die Zeit, die ich damit verbringe, meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Laufen, nachzugehen, unbedingt so schnell wie möglich hinter mich bringen?

Und damit hat er sowas von recht. Und er hat mich dazu gebracht, mich wieder zu erinnern, wie ich eigentlich angefangen habe. Was „mein Ding“ war. Ich bin langsam. Und das ist gut so.

Heißt das jetzt, dass ich mich nicht mehr im grenzüberschreitenden Training der Grausamkeiten anstrengen werde? Heißt das, dass ich beim Frauenlauf nicht in der Gruppe der 60-Minuten-Ladies mitlaufen werde?

Nein, das heißt es nicht! Ich werde mich anstrengen und ich werde mit der fabelhaften Gabi als Pacemakerin beim Frauenlauf in der 60-Minuten-Gruppe starten. Aber wenn es mich zwischendrin überkommt, dass ich denke, ein wenig langsamer wäre auch ganz nett, dann werde ich dem nachgeben. Und wenn das heißt, dass die Gruppe mich abhängt, dann wird das so sein. Und wenn das heißt, dass ich ganz alleine nach 1 Stunde und 20 Minuten durch das Ziel laufe, wenn vielleicht keiner mehr da ist, dann wird das so sein. Und es wird gut sein.

Und an dieser Stelle möchte ich dem Frauenlauf-Team einen Vorschlag machen: beim nächsten Mal Frauenlauf macht doch bitte bei der 10-km-Strecke nach dem letzten Startblock D (der für die 60-Minuten-Ladies ist) noch einen weiteren. Einen Block T für Turtlerunner. Denn auf den ersten Blick könnte man meinen, nach Block D gibt es nichts mehr. Sprich, die 60-Minuten-Läufer sind sowieso schon die Langsamsten. Hätte ich nicht schon mehrjährige Erfahrung als Schlusslicht eines jeden Laufes, dann würde ich mich niemals trauen, mich für diesen Lauf anzumelden, da ich befürchtete, ich müsste mindestens in die Gruppe D passen. Aber es gibt noch so viele Buchstaben im Alphabet und es wäre schön, wenn es für die, die nicht ins Schema passen auch einen eigenen Startblock gibt.

Nix für ungut, Ladies. Einmal Turtlerunner, immer Turtlerunner! 

An dieser Stelle nochmal danke an Isa, Ariane, Ina und meinen Mann, die am letzten Samstag beim Teamlauf in Oberreitnau mit mir gekämpft haben – wir waren alle spitzenmäßig!

Girls, Girls, Girls - on the run!

 


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Turtlerunner 2.0

Was für ein grandioser Tag! Dabei gäbe es gleich mehrere Gründe, ihn überhaupt nicht zu mögen:

  1. es regnet wie aus Kübeln
  2. ich habe heute Matheunterricht
  3. ich habe heute Deutschunterricht und verweigert, die Hausaufgabe zu machen
  4. ich habe heute Ruhetag = kein Training!

 

An Ruhetagen bin ich meist etwas, sagen wir mal: unausgeglichen. Aber heute war ein besonderer Ruhetag.

Der Tag meiner 3. Leistungsdiagnostik seit Beginn meiner Läuferkarriere

Kurzer Überblick zum bisherigen Verlauf: 2012 im Juni startete ich mit ärztlicher Untersuchung, Rundum-Check und Leistungsdiagnostik bei rund 96 Kilogramm und mit relativ voluminösem Ausmaß. Ergebnis: eine kleine Katastrophe. Vereinbarung lautete: Walken, walken, walken – Grundlagenausdauer aufbauen.

Zeitsprung ins Jahr 2013 – Juli: inzwischen 25 kg leichter, ohne nennenswertes Training, da ich verletzungsbedingt pausieren musste, fand die 2. Diagnostik statt – Ergebnis: ernüchternd bis niederschmetternd. Trotz Gewichtsabnahme war ich nicht wesentlich fitter geworden. Wieso auch? Naja, ich hätte mir schon erwartet, dass das im Gesamtpaket irgendwie enthalten wäre à la „25 kg weniger, dafür 5 km/h schneller“. Aber so funktioniert das leider nicht. Weitere Vereinbarung: walken, walken, walken, max. 1 x pro Woche 30 min. laufen wegen der immer noch gefährdeten Hüftsehne, Grundlagenausdauer aufbauen!

Brav und stur wie ich bin, habe ich mich daran gehalten. Und heute, 8. April 2014, fand die 3. Leistungsdiagnostik im Diagnostikzentrums meines Vertrauens statt. Diesmal mit Markus, der mich bereits die letzten beiden Male schon gequält … äh, begleitet hat und Assistent Rainer. Rainer stellte kurz vor Beginn des Laufbandabenteuers fest, dass etwas nicht stimmte. „Du bist schon die Judith, oder?“ wollte er wissen. Soweit mir bewusst war, hatte sich zumindest daran nichts geändert. Ich nickte. „Da stimmt was nicht“, murmelte er. Ja wie denn? Jetzt schon? Das bei mir so manches nicht stimmte, war mir im Verlaufe der letzten beiden Jahre immer wieder deutlich bewusst geworden, aber jetzt lief das Laufband noch nicht mal! „Auf dem Formular steht zwar dein Name, aber beim Gewicht steht 96 kg. Das kann nicht sein!“ HA! Stimmt, das kann nicht sein. Nicht mehr. Markus meinte dazu: „Ja, das war einmal! Heute wird uns Judith mit sensationellen Leistungen überraschen!“

Setzte mich kaum unter Druck. Meine größte Sorge war nämlich, dass sich schlicht und ergreifend gar nichts verändert hat seit letztem Jahr. Klar, ich war weitere 5-6 kg leichter und trainierte wie jemand, dessen Lieblingsbeschäftigung das Laufen war, aber bei meinem verrückten Körper muss man sich auf alles gefasst machen. Dann ging’s los. Markus und Rainer hatten sich die Rollen derweil aufgeteilt in „guter Cop“ und „böser Cop“. Rainer, stoppte die Zeit und kümmerte sich um mein Wohlbefinden („du hast schon die Hälfte geschafft“ – „wie anstrengend ist das auf der BORG-Skala“ – „Alles ok?“), während Markus der Mann mit der Nadel war. Und die mit den Nadeln sind immer die Bösen. Alle 3 Minuten wurde mein Ohr gepikst und das Laufband um 1 km/h schneller gestellt. (Anm.: in Wirklichkeit waren natürlich beide, Rainer und Markus, sehr nett :))

Bei 9 km/h meinte Markus: „Da hast du letztes Jahr das Handtuch geworfen. Aber heut geht schon noch was, oder?“ Ja, aber wie da noch was geht, keuchte ich in Gedanken. Und rannte. Versuchte, dabei noch halbwegs elegant auszusehen.

Bei 10 km/h war mir das dann schon nicht mehr ganz so wichtig.
Bei 11 km/h fragte ich mich, wen zum Teufel es interessierte, wie man beim Laufen aussah.
Bei 12 km/h war mir klar: mich nicht!

Denn da war Ende. Zum ersten Mal für mich eine Schallmauer durchbrochen. Laufen im 2-stelligen km/h-Bereich. Das Endergebnis so toll wie Geburtstag und Zieleinlauf zusammen. Sämtliche Pulsschwellen haben sich nach oben verschoben. Puls ruhiger, Laktatwerte verbessert.

Und als Markus dann nach meiner Zielzeit für den 10-km-Frauenlauf fragte (ich habe mal ganz euphorisch 1h 10 min. angegeben), meinte er: „Ich seh mir dann dein Ergebnis ganz genau nochmal an – und wenn das nicht zwischen 55 – 60 Minuten liegt, dann aber!“

Ja klar, stresst mich auch nur unwesentlich, so eine Ansage. Wohl zuviel Zeit auf dem Laufband verbracht – ich, quasi die Erfinderin des Turtlerunnings, soll 10 Kilometer in einer Stunde oder weniger laufen? Niemals! „Doch, du kannst das. Deine Werte zeigen, dass das machbar ist. Mit einem dementsprechenden Training.“

AAAAAH! HILFE! ICH MUSS LAUFEN. ALSO SO RICHTIG.

Ich gebe zu, ich bin saumäßig stolz auf diese Entwicklung gleichzeitig schiebe ich totale Panik. Was, wenn in Zukunft die Natur nur noch so an mir vorbeifetzt, quasi in „Blurred Lines“ und ich so schnell werde, dass ich viel längere Laufstrecken suchen muss, weil die alten nicht mehr ausreichen, was, wenn ich meinen Mann abhänge, was, wenn das Laufen plötzlich total anstrengend wird für mich, was, wenn … ach, Blödsinn! Ich übertreibe mal wieder maßlos und eigentlich mach ich doch nur Quatsch, denn wir wissen doch alle, dass das sehr wahrscheinlich nicht so schnell passieren wird. Denn auch wenn ich mich enorm gesteigert habe, reicht es bestenfalls für Turtlerunning 2.o. – ob ich irgendwann mal jenseits der 10km/h-Marke laufen werde steht noch in den Sternen und auch wenn, dann passiert das nicht von heute auf morgen. Es ist eine Entwicklung. Wie die Reise zum heutigen Tag und der heutigen, tollen Bestandsaufnahme.

Ich habe gelernt: Dranbleiben lohnt sich. Langsam laufen lohnt sich. Weitermachen, durchhalten, bei jedem Wetter laufen – lohnt sich. Auch wenn du selbst die Mini-Fortschritte gar nicht so erkennst, es gibt Menschen, die das für dich tun. Das sind dann die, die zu dir sagen: „He, jetzt ist aber mal gut mit Abnehmen“, wenn du schon seit 6 Monaten dieselbe Zahl auf der Waage siehst und denkst, es tut sich nix mehr. Oder die, die am Ende einer Leistungsdiagnostik zu dir sagen: „Wahnsinn, deine Entwicklung. Einfach Wahnsinn! Du bist eine richtige Läuferin geworden, eine richtige Wettkampfläuferin.“

Das schönste Kompliment, das ich seit langem gehört habe (sorry, Schatz, aber da kannst du echt nicht mithalten 😉 !

Und das ist nicht der einzige Grund, wieso ich Fan davon bin, sich hin und wieder der Tortur einer Leistungsdiagnostik zu unterziehen – inklusive hochrotem Kopf und dunkelrot-lila verfärbtem Ohrläppchen. Die nächsten Tage gibt’s auf meiner Website (www.judithriemer.com) einen Artikel über die wichtigsten Gründe, wieso ihr das unbedingt mal mitgemacht haben müsst. Und wer mag, besucht Markus und Rainer mal auf Facebook oder ihrer Website – da findet ihr einiges an Infos, Preisen und Hintergrundwissen zum Thema Laktat & Co.

 


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Ist es wichtig?

Heute stand mein langer Lauf am Programm. Rund 80 Minuten unterwegs im Bereich der Grundlagenausdauer. Bei mir zwischen 110 – 147 Schlägen laut der letzten Leistungsdiagnostik. Was heißt das nun konkret?
Ich turtle meines Weges mit 6-7 km/h. Gemütlich? Ja, irgendwie schon. Wenn die Maschinen mal laufen und alles angewärmt ist (so nach 30 Minuten), dann fühlt sich das gar nicht so schlecht an und läuft quasi von selbst. Naja, nicht ganz. Aber fast.

Bei diesen Läufen habe ich Zeit nachzudenken und mir fallen die seltsamsten Dinge ein. Manchmal sogar ziemlich schlaue, wie zum Beispiel ein Zitat, das in der Zwischenzeit sogar schon auf Facebook die Runde gemacht hat: „Die Dinge verlieren ihren Schrecken, während man sie tut.“ Gibt ein kleines Video dazu – mal gucken?

Heute sind mir aber ganz viele Fragen eingefallen. Die schreib ich hier auf. Könnt ihr gerne lesen und euch eure eigenen Gedanken dazu machen. Ich bin für mich selbst erst noch im Antworten-Findungsprozess. Und das kann dauern … So ein Turtlerunner ist schließlich kein ICE.

Beim heutigen Dahinlaufen hatte ich plötzlich das Gefühl, mich wirklich wohl zu fühlen. Einfach so, mit mir selbst, mit meinem nicht vorhandenen Tempo, … Und dann begann ich zu überlegen. Was wäre, wenn das so, wie es jetzt ist, einfach bleibt?

Ist es wichtig, schneller zu werden?
Ist es wichtig, 10 Kilometer in unter 1 Stunde laufen zu können (würde ich gern mal)?
Ist es wichtig, bei Wettläufen im Mittelfeld zu sein (statt ganz am Ende)?
Ist es wichtig, noch mehr aus mir herauszuholen (vorausgesetzt, da ist noch was)?

Ist mir das wichtig?

Oder genügt es, dass ich mich wohl fühle?
Genügt es, dass ich in Bewegung bin?
Genügt es, dass ich (m)eine Bewegung gefunden habe?
Genügt es, dass ich endlich mein Körpergefühl wiedergefunden habe?

Genügt mir das?

Und was wäre, wenn das eine das andere gar nicht ausschließt?

Tja, sowas denke ich mir während eines 9-Kilometer-Laufs. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn ich mal 30, 40 oder gar 100 Kilometer laufen würde!

Ich würde nach Hause kommen und ein Buch schreiben.

Laufen im Januar. Am Bodensee. Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter! ;)


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Die Wahrheit.

Der letzte Tag des Jahres 2013 und ich finde, er hat es verdient, der Wahrheit gewidmet zu werden.

Immerhin bin ich vorgestern 12,4 Kilometer in meiner bisher besten Zeit gerannt. Turtlerunner-Zeit, versteht sich. Aber sapperlot, ich habe mich um mehr als 10 Minuten verbessert auf diese Distanz, seit 6.10.2013. Wenn das mal nicht eine Ansage ist! Aber beginnen wir von vorn und zwar mit der Wahrheit.

Ich mag keine Menschenansammlungen. Ich mag keine Läufe, wo sich Menschen versammeln, die allesamt viel schneller sind als ich. Grundsätzlich mag ich dieses Gewusel, diese kollektive Hektik und das geschäftige „Sich-Warm-Machen“ ohne Rücksicht auf Verluste (und vor allem auf andere Menschen) nicht. Und so kam es, dass ich bereits, bevor ich meine Startnummer in der Hand hielt, schon ziemlich grantig war. Mein Bruder meinte kürzlich, dass solche Läufe für Menschen sind, die gern das soziale Erlebnis, das Miteinander im Vordergrund sehen. Ähm, ja. Wenn’s nach mir ginge, würde ich 30 Sekunden vor Startschuss im Startblock abgesetzt werden und direkt nach dem Sprint über die Ziellinie würde ich einen Portschlüssel direkt nach Hause nehmen. Soviel zum Thema „Miteinander“ – nein, ich bin kein „Miteinander“-Mensch – zumindest nicht, wenn ich als einzelner Vertreter meiner eigenen Rasse (Turtlerunner) unterwegs bin.

Zur Unterstützung hatte ich diesmal meinen Mann dabei (und das war auch bitter nötig, ohne ihn hätte ich vielleicht eine Abkürzung genommen). Das Läuferfeld setzte sich in Bewegung und wir waren mittendrin. Die erste Runde (es waren 4 insgesamt) lief grandios. Wir überholten sogar andere Menschen! Unfassbar, dass ich das noch erleben darf. Die 2. Runde begann vielversprechend. Doch dann hörte ich es. Ein Hecheln direkt hinter meinem linken Ohr. Es kam immer näher und wurde immer lauter. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich behauptet, einer meiner Hunde hat den Weg hierher gefunden. Ein kurzer Blick nach hinten:  Läuferin mit riesigen Kopfhörern, direkt in meinem Windschatten. Sie rückte immer näher auf, ich fühlte mich bedrängt. Versuchte, ruhig zu bleiben. Fiel mir schwer. Über 2 Kilometer blieb sie mir im Nacken sitzen. Wurde schneller, wenn ich schneller wurde – fiel zurück, wenn ich zurück fiel. Was war ich wütend! Eine Unverschämtheit. Hätte ich noch ein wenig mehr Puste gehabt, ich weiß nicht, was ich getan hätte! Vermutlich das erste Damen-Wrestling während eines Silvesterlaufes eröffnet.

Irgendwann hat sie mich dann endlich überholt! Hätte nicht gedacht, dass ich das mal so erleichtert hinnehmen würde. Dann kamen die letzten 3 Kilometer. Mein Mann war schon ziemlich erledigt, von mir wollen mir mal gar nicht sprechen. Aber ich war  glücklich, da ich meinen Puls mehr oder weniger konstant bei 170 bzw. etwas darunter halten konnte. So 600 Meter vor dem Ziel hatte ich dann das Gefühl, die Beine sind nicht mehr da. Und wir hatten vereinbart, dass wir Hand in Hand ins Ziel laufen. 300 Meter vor dem Ziel sagte ich dann zu ihm: „Hand! Schnell! Ich schaff’s sonst nicht!“. Also packte er mich an der Hand und zog mich ins Ziel.

Insgesamt haben wir beide ein respektables Ergebnis geschafft: die letzten in der eigenen Altersklasse und beide haben wir den vorletzten Platz in der Gesamtwertung gemacht (Männer/Frauen getrennt). Ich finde, wir haben die Turtlerunner-Ehre heldenhaft verteidigt!

Die Euphorie begann dann ca. 15 -20 Minuten später. Ich fühlte mich großartig (tu es auch heute noch, bis auf ein bisschen Muskelkater) und war einfach stolz auf meine Verbesserung. Wenn juckt es da, dass die Verpflegungsstände schon fast leer waren und ich sogar um meine Fleecedecke noch kämpfen musste (Hast du keine bekommen? Nein, bin grad erst ins Ziel? Wieso das denn – warst du zwischendrin Kaffee trinken?) ?

Wenn ich also alle Widrigkeiten hinter mir lasse und das Erlebnis aufs Wesentliche reduziere, war es ein toller Lauf, mit einer krassen Zeitverbesserung und zum ersten Mal einer Art „Miteinander-Feeling“, denn ich hatte mit meinem Mann einen zweiten Turtlerunner an der Seite. Die Gemeinde wächst!

Und wieso ich trotz allem, was ich hier geschrieben habe, finde, dass noch mehr von uns an Rennen teilnehmen sollten, das habe ich auf meinem Blog veröffentlicht – hier geht es zu den 5 Gründen, wieso wir Langsamläufer eigentlich die besten Erlebnisse während eines Laufs haben.

So, ich bin dann mal am Regenerieren …

Auf geht's! Oder?


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Ich glaub, es geht schon wieder los.

Noch 1 Stunde bis zur Abfahrt. Startschuss um 12.15 Uhr, Silvesterlauf. Bis spätestens 11 Uhr muss ich unsere Startnummern abholen (557 und 558 – 5 ist meine Lieblingszahl, das kann nur Glück bedeuten, oder?).

Und wie immer an solchen Tagen und dem davor (also dem Tag vor dem Rennen), frage ich mich, wieso ich das eigentlich tue. Ich könnte es sooooo viel gemütlicher haben. Nur für mich ein bisschen vor mich hinlaufen, Natur genießen, mein Tempo laufen, alles easy und entspannt. Was tue ich stattdessen?

Ich stürze mich in eine Masse von hufscharrenden Läufern, die alle ganz wild darauf sind, beim Startschuss nach vorne zu preschen, die anderen hinter sich zu lassen, Tempo zu machen und der Welt zu zeigen, wie schnell sie laufen können.

Mein Anliegen ist das nicht, denn ich kann nicht schnell laufen. Es will einfach nicht … also wird das heute wieder ein Turtlerunner-Missions-Lauf. Ich lauf für alle, die so langsam sind wie ich (hallo – ist da jemand?) und versuche, mich nicht davon irritieren zu lassen, dass ich heute gleich 4 x an denselben Menschen vorbeilaufe, denn der Lauf geht über 4 Runden.

Heute bin ich außerdem in Begleitung: Mein Mann läuft mit und zwar im T-Shirt von „Laufen gegen Leiden“. Ich laufe natürlich für meinen Verein „Team vegan.at“. Wir werden aussehen wie zwei Twinnie-Eis, falls das noch jemand kennt. Fotos folgen später.

So, nun sitz ich hier, löffle Hirsebrei, trinke Wasser und bin nervös. Wie immer. Und denke mir, dass ich nie wieder an einem Lauf teilnehmen werde. Wie immer. Und dann werde ich vermutlich diesen Lauf laufen und mich dabei selbst übertreffen. Wie immer. Nur wird es keiner merken, denn wenn ich mich selbst übertreffe bin ich immer noch turtlerunnermäßig langsam. Wie immer. Aber eigentlich ist das auch völlig egal. Danach, wenn ich es geschafft habe, werde ich Spaß haben. Wie immer. Und dann ist ja noch dieser eine Gedanke da …. „vielleicht, ganz vielleicht schaff ich es ja, diesmal meine Zeit um 3-5 km/h zu verbessern. So ganz spontan. Plötzliche Läufer-Geschwindigkeits-Erleuchtung. Vielleicht.“ .

Und weil ich auf diese Erleuchtung warte, muss ich an Rennen teilnehmen. Denn sonst krieg ich es ja nicht mit, wenn es soweit ist.


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An alle Turtlerunner da draußen – Bericht Vollmondlauf

Vorweg möchte ich euch eines sagen, meine lieben Mit-Turtlerunner: die Welt braucht euch. Jedes Rennen, das in eurer Nähe ausgetragen wird braucht euch.

Für alle, die nicht wissen, was oder wen genau ich meine, hier eine Definition: 
Turtlerunner sind die Läufer, die als letzte durchs Ziel gehen. 
Es sind die, die für dieselbe Strecke doppelt so lange brauchen, wie die richtig guten Läufer. Es sind die, denen nichts geschenkt wird. 
Es sind die, die für eine Halbmarathon-Vorbereitung ein Jahr brauchen, statt drei Monate. Es sind die, deren Puls beim Schuhe zubinden schon über 110 steigt. 
Es sind die, deren Pace beim ruhigen, langen Lauf über 9 Minuten liegt.

Ja, diese Läufer gibt es. Und sie sind sehr wichtig. Ich gehöre auch dazu.

Und wieso sind wir so wichtig? 
Wieso sollten bei jedem Lauf, der irgendwo stattfindet auch die Turtlerunner vertreten sein?

Ganz einfach: Weil wir damit anderen Menschen Mut machen, es auch zu versuchen.
Weil es keine Schande ist, langsam zu sein und das zu zeigen. Weil wir mental um einiges mehr aushalten müssen als die Speedies des Rennens. Wieso das?

Weil wir neben der körperlichen Anstrengung auch noch den psychischen Kraftakt meistern müssen, die letzten zu sein. Als letzte vor dem Fahrradfahrer herzulaufen, der das Feld von hinten aufräumt. Der bremsen muss, weil wir so langsam sind. Vom Sprecher im Ziel als „die letzten“ angekündigt zu werden. Von überholenden Läufern auf die Schulter geklopft zu werden mit einem „Auf geht‘s!“ während wir schon beinahe das Licht am Ende des Tunnels sehen. Wir müssen oft doppelt so lange laufen wie alle anderen, um dieselbe Strecke zu schaffen. Und das tun wir nicht, weil wir so gemütlich laufen, dass wir nebenher noch lustig schwatzen können – nein, wir tun das und sind dabei an unserem Limit. Wir laufen mit 175 – 180 Puls über 10 Kilometer.

Wenn es uns nicht gibt, wenn wir nicht an Rennen teilnehmen, dann werden es immer die „begnadeten“ Leistungssportler oder begabten Hobbysportler sein, die teilnehmen. Ich bin der Meinung, jedes Rennen braucht seine Turtlerunner-Fraktion. Denn so trauen sich vielleicht auch diejenigen mitzulaufen, die bisher immer dachten: „Da sind doch nur die Guten, das wär total peinlich für mich, da mitzulaufen.“

Scheiß auf peinlich!

Jeder Schritt zählt. Mitmachen. Mitlaufen. Spaß haben. Und wenn dir bei Kilometer 5 von 10 mitten im stockfinsteren Wald die Taschenlampe verreckt, dann läufst du weiter. Und du lachst dabei! Du läufst für dich selbst und für die anderen. Du läufst für alle, die sich (noch) nicht trauen mitzulaufen, weil sie für die Allgemeinheit zu langsam sind. Und wenn du dann nur noch 2 Kilometer vor dem Ziel bist und den Sprecher und die Leute schon hören kannst, die am Ziel auf die letzten warten, dann gibst du nochmal Gas. Du spürst zwar die Beine kaum mehr, aber ein bisschen was geht noch. Und wenn dann plötzlich einer der Speedies – die schon 40 Minuten vor dir im Ziel waren – zurückkommt, um dich auf dem letzten Kilometer zu begleiten und zu unterstützen, dann ist das schon eine ziemlich geile Sache! (Danke Thomas – es hat mir sehr viel bedeutet!)

Ich hatte gestern das tollste Rennen, das ich bisher gelaufen bin. Ich bin Vorletzte geworden und stolz darauf. Meine Freundin hat den letzten Platz belegt und darauf bin ich genauso stolz – denn wir haben gekämpft! Und ich wage zu behaupten, dass wir beide mehr kämpfen mussten als die meisten, die in besserer Form sind.

Sollten wir uns jetzt verstecken und nicht mehr mitmachen bei solchen Rennen? Nein, ich finde nicht. Jetzt erst recht! Und ich hoffe, durch unsere Lauf-Zeit traut sich vielleicht der ein oder andere nächstes Jahr auch mitzumachen, weil er sieht, dass da nicht nur Profis und Hobbysportler laufen. Sondern eben auch Turtlerunner.

Und ich verspreche an dieser Stelle eines: sollte ich jemals rauskommen aus der Turtlerunner-Klasse und vielleicht irgendwann mal zu den Speedies gehören, dann wird es mir eine Ehre sein, jährlich an 1-2 Rennen teilzunehmen und einen Turtlerunner in seinem Tempo ein ganzes Rennen lang zu begleiten.