veganmarathon

aus dem laufalltag eines turtlerunners


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Slow down – die Entdeckung der Langsamkeit

Als ich anfing zu laufen, habe ich bereits die Langsamkeit für mich entdeckt. Kein Wunder, denn viel anderes gab es für mich nicht zu entdecken. Und nach meinem letzten Wettlauf am vergangenen Samstag, begann ich wieder mal nachzudenken. Den irgendwas stimmte nicht mehr.

Ich fühlte mich nicht gut. Ok, ich war gerade erkältet und musste ein paar Tage Laufpause einlegen, was auch nicht gerade förderlich für mein Wohlbefinden war. Und so stand ich also zwischen sportlich gekleideten Menschen, die sich in 2-er Teams gruppierten und dachte mir mal wieder:

Wieso tust du dir diesen Mist eigentlich an?

Dann begann das Warmlaufen. Dann begann der Countdown der letzten 60 Sekunden und ich hörte auf, nachzudenken. Dann ertönte der Startschuss. Ich lief los, denn ich durfte die erste Runde absolvieren. 800 Meter, danach Wechsel mit dem Teampartner, der die 2. Runde lief. Ich rannte also und war nach kurzer Zeit in meinem GA3-Bereich bei rund 175 Schlägen pro Minute. Ich fühlte mich gar nicht so schlecht. Die 800 Meter waren bald geschafft und insgesamt lief ich 7 Runden, mein Mann 6 Runden. Als Team schafften wir 13 Runden für den guten Zweck und sicherten uns damit den 8. Platz in unserer Altersklasse. Insgesamt gab es neun.

Ich bin also gerannt wie der Teufel. Herzklopfen bis zum Anschlag. Und wurde mit dieser Leistung Vorletzte. Ich würde ja gern sagen, es lag an meinem Mann – aber das ist nicht so. Hätte er mich nicht an der Backe gehabt, hätte der bestimmt noch 2-3 Runden draufgelegt. Zuhause war ich dann total gestresst und überlegte mir Dinge, wie:

  • Sind bei solchen Läufen denn nur überdurchschnittlich gute Läufer dabei?
  • Oder bin ich einfach so schlecht?
  • Und wenn ich so schlecht bin, dann bin ich damit doch nicht allein auf der Welt?
  • Wo sind all die andern langsamen Läufer?
  • Nehmen die nicht an solchen Läufen teil?
  • Wieso denn nicht?
  • Trauen sie sich nicht?
  • Weil sie dann möglicherweise letzter oder vorletzter wären?
  • Was ist hier eigentlich los?

Ich habe die letzte Zeit versucht, einer Zeit hinterherzurennen, die ich (noch) nicht in der Lage bin zu schaffen. Mein Traum war es, beim Frauenlauf die 10 Kilometer unter 60 Minuten zu schaffen. Und wieso will ich das?

Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung.

Denn ich habe als langsame Läuferin angefangen und mein Wunsch war es immer, anderen langsamen Läufern Mut zu machen. Damit sie auch mitlaufen, damit wir uns gemeinsam am Ende der Wertungszeiten wiederfinden. Und das Paradoxe ist ja: Sogar wenn ich die 10 Kilometer unter 60 Minuten schaffen würde – sogar dann wäre ich nur im Mittelfeld, allerhöchstens.

Und mal ehrlich: im Mittelfeld gibt es sooooo viele! Da braucht’s mich nicht auch noch.

Ich bleibe lieber hinten, genieße meine Zeit und meine Läufe und habe viel länger was vom Wettkampf, von der Strecke, von den Leuten, von der Atmosphäre. Denn, wie ein weiser Mann kürzlich via Facebook zu mir sagte:

Warum sollte ich die Zeit, die ich damit verbringe, meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Laufen, nachzugehen, unbedingt so schnell wie möglich hinter mich bringen?

Und damit hat er sowas von recht. Und er hat mich dazu gebracht, mich wieder zu erinnern, wie ich eigentlich angefangen habe. Was „mein Ding“ war. Ich bin langsam. Und das ist gut so.

Heißt das jetzt, dass ich mich nicht mehr im grenzüberschreitenden Training der Grausamkeiten anstrengen werde? Heißt das, dass ich beim Frauenlauf nicht in der Gruppe der 60-Minuten-Ladies mitlaufen werde?

Nein, das heißt es nicht! Ich werde mich anstrengen und ich werde mit der fabelhaften Gabi als Pacemakerin beim Frauenlauf in der 60-Minuten-Gruppe starten. Aber wenn es mich zwischendrin überkommt, dass ich denke, ein wenig langsamer wäre auch ganz nett, dann werde ich dem nachgeben. Und wenn das heißt, dass die Gruppe mich abhängt, dann wird das so sein. Und wenn das heißt, dass ich ganz alleine nach 1 Stunde und 20 Minuten durch das Ziel laufe, wenn vielleicht keiner mehr da ist, dann wird das so sein. Und es wird gut sein.

Und an dieser Stelle möchte ich dem Frauenlauf-Team einen Vorschlag machen: beim nächsten Mal Frauenlauf macht doch bitte bei der 10-km-Strecke nach dem letzten Startblock D (der für die 60-Minuten-Ladies ist) noch einen weiteren. Einen Block T für Turtlerunner. Denn auf den ersten Blick könnte man meinen, nach Block D gibt es nichts mehr. Sprich, die 60-Minuten-Läufer sind sowieso schon die Langsamsten. Hätte ich nicht schon mehrjährige Erfahrung als Schlusslicht eines jeden Laufes, dann würde ich mich niemals trauen, mich für diesen Lauf anzumelden, da ich befürchtete, ich müsste mindestens in die Gruppe D passen. Aber es gibt noch so viele Buchstaben im Alphabet und es wäre schön, wenn es für die, die nicht ins Schema passen auch einen eigenen Startblock gibt.

Nix für ungut, Ladies. Einmal Turtlerunner, immer Turtlerunner! 

An dieser Stelle nochmal danke an Isa, Ariane, Ina und meinen Mann, die am letzten Samstag beim Teamlauf in Oberreitnau mit mir gekämpft haben – wir waren alle spitzenmäßig!

Girls, Girls, Girls - on the run!

 


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Laufmantra

Laufen macht den Kopf frei. Heißt es immer.

Bei mir ist das genau andersrum. Ich hab danach immer dermaßen viele Gedanken im Kopf, dass ich sie aufschreiben muss. Denn ich lerne unheimlich viel während des Laufens. Über mich. Was für Ängste ich habe, welche Zweifel da sind … und wie man es schafft, den ganzen Blödsinn abzustellen. Also die Ängste und die Zweifel.

Da ich selbst aber meistens in Gedanken bin und außerdem damit beschäftigt, halbwegs vernünftig atmen zu können und einen mehr oder minder aufrechten Gang zu bewahren, während ich laufe, brauche ich dabei manchmal einen Schubser von außen. Mental gesehen natürlich. Ein tatsächlicher Schubser während des Laufens hätte fatale Folgen, die ich mir gar nicht ausmalen möchte. Denn so gefestigt bin ich ja noch nicht in meinem neuen Training.

So geschehen letzten Montag. Intervall-Training. Alleine das Wort lässt mir momentan die Nackenhaare zu Berge stehen. Nicht, dass ich davon viele hätte, aber sagt man halt so. Es scheint eine Art Trauma zu sein. Das vorletzte Intervall-Training (iiih, da ist es schon wieder!) war ja nicht gerade mein angenehmstes. Aber soll ein Intervall-Training (ah, jetzt langt’s aber!)  überhaupt angenehm sein? Soll überhaupt irgendein Training angenehm sein? Ich sag jetzt einfach mal: nein. Und außerdem ist alles unangenehm bevor es angenehm wird. Zumindest die Sachen, die einen Überwindung kosten. So entwickelt man sich weiter. Als Sportler. Als Mensch. Und überhaupt. Denke ich. Hoffe ich. Glaube ich.

Zurück zum Inter … nein, ich schreib’s jetzt nicht nochmal. Ich werde es ab sofort „Grenzen-Überwindungs-Training“ nennen. Letzten Montag stand also das GÜ-Training auf dem Plan. Zur mentalen und körperlichen Unterstützung begleitet mich beim GÜT immer mein Mann. Und um zu verstehen, wieso das hier so wichtig für mich ist, muss man folgendes wissen: Er ist kein Mann großer Worte (für die Worte bin ich zuständig, meine reichen für uns beide), aber wenn er was sagt, dann nie ohne Grund. Ich also mal wieder leichte Panikattacken kurz vor dem Grenzen-Überwindungs-Training: „Schaffe ich das?“ „2 Kilometer in dem Pulsbereich? Das ist aber schon hart.“ „Ich weiß nicht, ob ich den Puls so schnell hochkriege …“  Blablabla … ich sag ja, meine Worte reichen für uns beide. Wenn nicht sogar noch für 2-3 weitere Familienangehörige.

Und alles was er dazu sagt ist:

Du musst nur rennen. Sonst nichts.

Und das mit einer Gelassenheit, die selbst einen Pandabären beim Mittagsschlaf vor Neid erblassen lassen würde. „Du musst nur rennen? Sehr witzig“, giftete ich zurück. Aber dann, das Einlaufen ging los, die Atmung wurde schneller – Sprechen war nicht mehr ganz so lustig – begann ich, wie immer beim Laufen, nachzudenken. Stimmt ja eigentlich. Ich muss nur rennen. Sonst nichts. Nicht denken. Nicht zweifeln. Nicht reden. Nicht durchdrehen. Nicht ängstlich sein. Einfach nur rennen. Wie früher. Als ich klein war. Da bin ich auch ständig gerannt. Wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass das irgendwie beängstigend wäre. Und nur weil ich heute mit GPS-Uhr, Pulszonen und einem Wettkampfziel ausgestattet bin, hat sich an der grundlegenden Sache überhaupt nichts geändert.

Ich muss nur rennen. Sonst nichts.

Und das ist so kinderleicht, dass ich schon wieder lachen muss. Über meine Kompliziertheit. Nur rennen. Ganz einfach.

Einfach nur rennen. Kinderleicht!

Dieses Bild stammt übrigens von der wunderbaren Fotografin und Journalistin Susi Donner, die mit mir ein Interview für die Schwäbische Zeitung geführt hat. Danke, liebe Susi!


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Schiff auf zwei Beinen oder Wie ich nochmal laufen lerne

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Intervalltraining

Ich trabe im Warmmach-Tempo vor mich hin. Noch 20 Sekunden bis zum Intervall meldet der Garmin. Noch 10 Sekunden. Ich laufe ein wenig schneller, schließlich will ich vom Intervall-Tempo nicht überrumpelt werden. Noch 3, 2, 1 … LOS! „1. Intervall für 800 Meter in der Pulszone 172 – 181“, befiehlt der Garmin mit einem nervigen Piepsen, vibrierend am Armgelenk. Ich laufe schneller, atme schneller. Nach 10 Sekunden habe ich das Gefühl, ich kann nicht mehr schlucken. Irgendwie ist alles so trocken. Nach 30 Sekunden habe ich das Gefühl, ich kann nicht mehr atmen. Kein Rhythmus. Der Garmin vibriert genervt: „Puls zu niedrig“. Ich laufe weiter, will nicht zu sehr beschleunigen, denn schließlich muss ich 800 Meter durchhalten. Das kann verdammt lang sein. Bei jedem Ausatmen ist inzwischen ein seltsamer Ton  hinzugekommen, nicht vom Garmin, sondern von mir. Eine Art Ächzen. Ich keuche. Vor lauter Speed (gefühlter Speed, in Wirklichkeit war’s wohl irgendwas um die 10 km/h) werde ich unkonzentriert, muss aufpassen, dass ich nicht stolpere. Wie ein Schluck Wasser in der Kurve, versuche ich, meine Bahn zu halten. Atmen geht immer noch nicht geräuschlos. Nur durch den Mund. Koordiniertes Laufen sieht auch anders aus – ich schwanke, wie ein Schiff auf zwei Beinen. Nach rund 300 Metern habe ich endlich diesen verdammten Pulsbereich erreicht. Allerdings nur die unterste Grenze davon.

Was ist passiert?

Ganz grob kann man sagen, mein Körper muss nun mit einer Geschwindigkeit laufen, um den angestrebten Pulsbereich zu erreichen, die er noch nicht kennt. Die Beine müssen sich schneller bewegen, die Atmung muss sich anpassen, Muskeln, Sehnen, Bänder – das Zusammenspiel funktioniert noch nicht wirklich in dem Bereich. Wir haben uns daran gewöhnt, gemütlich mit 7 km/h vor uns hinzutrotten. Darin sind wir inzwischen großartig und beinahe unschlagbar! Aber das hier? Das ist neu. Nachdem ich mich deswegen bei meinem Trainer ausgeheult habe und ihm mitgeteilt habe, dass ich fürchte, ich bin nicht dazu gemacht, so schnell zu laufen, hat er es mir dann erklärt.

Es ist ein bisschen so,  wie wenn du nochmal Gehen lernst.

Dein Körper lernt jetzt, sich mit einer neuen, schnelleren Geschwindigkeit fortzubewegen – er ist es nicht gewohnt, da er es bisher nie musste. Neue Abläufe werden mit jedem Training innerhalb des Körpers programmiert. Anfangs kann das unkoordiniert sein, die Atmung passt nicht – eigentlich passt gar nix. Aber der Körper lernt. Jedes Mal. Jedes verfluchte Intervalltraining. Und ja, geflucht habe ich in den Trabpausen wie ein Weltmeister (darin bin ich ausgesprochen gut). Das ändert nix daran, dass ich gestern hätte heulen mögen. Ich fühlte mich, wie ganz am Anfang. Kaugummi unter den Füßen, Waten durch ein Meer aus flüssigem Zement. Anstrengung, Schweiß, zeitweise Überforderung – und immer wieder kurz der Gedankenblitz: „Lass es sein. Das kannst du nicht!“ Aber genau das stimmt nicht. Ich kann es sehr wohl. Als ich klein war und laufen lernte, bin ich auch oft auf die Schnauze gefallen. Habe ich damals meinem inneren Kritiker geglaubt? Nein. Ich bin so oft wieder aufgestanden, bis das Laufen von selber ging. Bis ich nicht mehr drüber nachdenken musste. Und deswegen bin ich gestern diese doofen 6 Intervalle gelaufen. Zornig, wütend, erschöpft und atemlos. Aber ich bin gelaufen. Werden wir schon noch sehen, wer hier den längeren Atem hat. In einem Jahr werde ich dann hier zu diesem Eintrag zurückblättern. Dann schauen wir mal, was sich bis dahin getan hat. Aber eins ist sicher: liegenbleiben gilt nicht!


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Turtlerunner 2.0

Was für ein grandioser Tag! Dabei gäbe es gleich mehrere Gründe, ihn überhaupt nicht zu mögen:

  1. es regnet wie aus Kübeln
  2. ich habe heute Matheunterricht
  3. ich habe heute Deutschunterricht und verweigert, die Hausaufgabe zu machen
  4. ich habe heute Ruhetag = kein Training!

 

An Ruhetagen bin ich meist etwas, sagen wir mal: unausgeglichen. Aber heute war ein besonderer Ruhetag.

Der Tag meiner 3. Leistungsdiagnostik seit Beginn meiner Läuferkarriere

Kurzer Überblick zum bisherigen Verlauf: 2012 im Juni startete ich mit ärztlicher Untersuchung, Rundum-Check und Leistungsdiagnostik bei rund 96 Kilogramm und mit relativ voluminösem Ausmaß. Ergebnis: eine kleine Katastrophe. Vereinbarung lautete: Walken, walken, walken – Grundlagenausdauer aufbauen.

Zeitsprung ins Jahr 2013 – Juli: inzwischen 25 kg leichter, ohne nennenswertes Training, da ich verletzungsbedingt pausieren musste, fand die 2. Diagnostik statt – Ergebnis: ernüchternd bis niederschmetternd. Trotz Gewichtsabnahme war ich nicht wesentlich fitter geworden. Wieso auch? Naja, ich hätte mir schon erwartet, dass das im Gesamtpaket irgendwie enthalten wäre à la „25 kg weniger, dafür 5 km/h schneller“. Aber so funktioniert das leider nicht. Weitere Vereinbarung: walken, walken, walken, max. 1 x pro Woche 30 min. laufen wegen der immer noch gefährdeten Hüftsehne, Grundlagenausdauer aufbauen!

Brav und stur wie ich bin, habe ich mich daran gehalten. Und heute, 8. April 2014, fand die 3. Leistungsdiagnostik im Diagnostikzentrums meines Vertrauens statt. Diesmal mit Markus, der mich bereits die letzten beiden Male schon gequält … äh, begleitet hat und Assistent Rainer. Rainer stellte kurz vor Beginn des Laufbandabenteuers fest, dass etwas nicht stimmte. „Du bist schon die Judith, oder?“ wollte er wissen. Soweit mir bewusst war, hatte sich zumindest daran nichts geändert. Ich nickte. „Da stimmt was nicht“, murmelte er. Ja wie denn? Jetzt schon? Das bei mir so manches nicht stimmte, war mir im Verlaufe der letzten beiden Jahre immer wieder deutlich bewusst geworden, aber jetzt lief das Laufband noch nicht mal! „Auf dem Formular steht zwar dein Name, aber beim Gewicht steht 96 kg. Das kann nicht sein!“ HA! Stimmt, das kann nicht sein. Nicht mehr. Markus meinte dazu: „Ja, das war einmal! Heute wird uns Judith mit sensationellen Leistungen überraschen!“

Setzte mich kaum unter Druck. Meine größte Sorge war nämlich, dass sich schlicht und ergreifend gar nichts verändert hat seit letztem Jahr. Klar, ich war weitere 5-6 kg leichter und trainierte wie jemand, dessen Lieblingsbeschäftigung das Laufen war, aber bei meinem verrückten Körper muss man sich auf alles gefasst machen. Dann ging’s los. Markus und Rainer hatten sich die Rollen derweil aufgeteilt in „guter Cop“ und „böser Cop“. Rainer, stoppte die Zeit und kümmerte sich um mein Wohlbefinden („du hast schon die Hälfte geschafft“ – „wie anstrengend ist das auf der BORG-Skala“ – „Alles ok?“), während Markus der Mann mit der Nadel war. Und die mit den Nadeln sind immer die Bösen. Alle 3 Minuten wurde mein Ohr gepikst und das Laufband um 1 km/h schneller gestellt. (Anm.: in Wirklichkeit waren natürlich beide, Rainer und Markus, sehr nett :))

Bei 9 km/h meinte Markus: „Da hast du letztes Jahr das Handtuch geworfen. Aber heut geht schon noch was, oder?“ Ja, aber wie da noch was geht, keuchte ich in Gedanken. Und rannte. Versuchte, dabei noch halbwegs elegant auszusehen.

Bei 10 km/h war mir das dann schon nicht mehr ganz so wichtig.
Bei 11 km/h fragte ich mich, wen zum Teufel es interessierte, wie man beim Laufen aussah.
Bei 12 km/h war mir klar: mich nicht!

Denn da war Ende. Zum ersten Mal für mich eine Schallmauer durchbrochen. Laufen im 2-stelligen km/h-Bereich. Das Endergebnis so toll wie Geburtstag und Zieleinlauf zusammen. Sämtliche Pulsschwellen haben sich nach oben verschoben. Puls ruhiger, Laktatwerte verbessert.

Und als Markus dann nach meiner Zielzeit für den 10-km-Frauenlauf fragte (ich habe mal ganz euphorisch 1h 10 min. angegeben), meinte er: „Ich seh mir dann dein Ergebnis ganz genau nochmal an – und wenn das nicht zwischen 55 – 60 Minuten liegt, dann aber!“

Ja klar, stresst mich auch nur unwesentlich, so eine Ansage. Wohl zuviel Zeit auf dem Laufband verbracht – ich, quasi die Erfinderin des Turtlerunnings, soll 10 Kilometer in einer Stunde oder weniger laufen? Niemals! „Doch, du kannst das. Deine Werte zeigen, dass das machbar ist. Mit einem dementsprechenden Training.“

AAAAAH! HILFE! ICH MUSS LAUFEN. ALSO SO RICHTIG.

Ich gebe zu, ich bin saumäßig stolz auf diese Entwicklung gleichzeitig schiebe ich totale Panik. Was, wenn in Zukunft die Natur nur noch so an mir vorbeifetzt, quasi in „Blurred Lines“ und ich so schnell werde, dass ich viel längere Laufstrecken suchen muss, weil die alten nicht mehr ausreichen, was, wenn ich meinen Mann abhänge, was, wenn das Laufen plötzlich total anstrengend wird für mich, was, wenn … ach, Blödsinn! Ich übertreibe mal wieder maßlos und eigentlich mach ich doch nur Quatsch, denn wir wissen doch alle, dass das sehr wahrscheinlich nicht so schnell passieren wird. Denn auch wenn ich mich enorm gesteigert habe, reicht es bestenfalls für Turtlerunning 2.o. – ob ich irgendwann mal jenseits der 10km/h-Marke laufen werde steht noch in den Sternen und auch wenn, dann passiert das nicht von heute auf morgen. Es ist eine Entwicklung. Wie die Reise zum heutigen Tag und der heutigen, tollen Bestandsaufnahme.

Ich habe gelernt: Dranbleiben lohnt sich. Langsam laufen lohnt sich. Weitermachen, durchhalten, bei jedem Wetter laufen – lohnt sich. Auch wenn du selbst die Mini-Fortschritte gar nicht so erkennst, es gibt Menschen, die das für dich tun. Das sind dann die, die zu dir sagen: „He, jetzt ist aber mal gut mit Abnehmen“, wenn du schon seit 6 Monaten dieselbe Zahl auf der Waage siehst und denkst, es tut sich nix mehr. Oder die, die am Ende einer Leistungsdiagnostik zu dir sagen: „Wahnsinn, deine Entwicklung. Einfach Wahnsinn! Du bist eine richtige Läuferin geworden, eine richtige Wettkampfläuferin.“

Das schönste Kompliment, das ich seit langem gehört habe (sorry, Schatz, aber da kannst du echt nicht mithalten 😉 !

Und das ist nicht der einzige Grund, wieso ich Fan davon bin, sich hin und wieder der Tortur einer Leistungsdiagnostik zu unterziehen – inklusive hochrotem Kopf und dunkelrot-lila verfärbtem Ohrläppchen. Die nächsten Tage gibt’s auf meiner Website (www.judithriemer.com) einen Artikel über die wichtigsten Gründe, wieso ihr das unbedingt mal mitgemacht haben müsst. Und wer mag, besucht Markus und Rainer mal auf Facebook oder ihrer Website – da findet ihr einiges an Infos, Preisen und Hintergrundwissen zum Thema Laktat & Co.

 


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4 Dinge, die ich (fast) täglich verwende

Seit ich laufe, trainiere und sonst viele nette Dinge mache, an die ich vor zwei Jahren noch nicht im Traum gedacht hätte, haben sich ein paar Dinge verändert.

Ich kann Hosen anziehen, die seit 8 Jahren im Schrank auf mich warteten (ist eigentlich noch jemand außer mir so seltsam und bewahrt Klamotten so lange auf, für den Fall, dass man doch mal wieder schlank wird?), ich esse merkwürdige Dinge zum Frühstück (heute zum Beispiel Misosuppe und Vollkornreis mit Spitzkohl, weil es anscheinend für ein gutes Bauchgefühl den ganzen Tag sorgen soll – das muss ich natürlich testen) und ich habe ständig und überall an den verschiedensten Stellen meines Körpers Schmerzen.

Und auf die bin ich richtig stolz. Die sind hart erarbeitet. Muskelkater vom Berglauf, Muskelkater vom Bergablauf, Muskelkater vom Stabi-Training, Muskelkater vom Yoga, Muskelkater vom Wadenheben mit dem eigenen Gewicht (Mein Mann will mich ständig dazu überreden, noch Gewichtsscheiben draufzumachen, aber wozu? Habe ja mit meinem eigenen Körpergewicht schon genug zu tun) und sonst tut auch noch so dies und das hin und wieder mal weh.

Und wegen all dieser wunderbaren Neuerungen in meinem bewegten Leben, komme ich nicht umhin, heute aufzuschreiben, was mir kürzlich aufgefallen ist. Es gibt nämlich seither ein paar Dinge, die beinahe täglich bei mir im Einsatz sind und möglicherweise, kann der ein oder andere von euch, diese Dinge auch gut gebrauchen – oder mir Tipps geben, wie ich diese Liste erweitern könnte.

1. Meine neue App für’s Stabilisations-Training

Anfangs war mein Mann meine App. Ich habe ihn dazu gezwungen, mir für 4 Übungen à 3 Runden die Stoppuhr zu drücken – je 20 Sekunden pro Übung. Und vermutlich würden wir das auch heute noch so machen,  wenn ich nicht dahinter gekommen wäre, dass er mich betrügt. Mit der Stoppuhr! Als ich letztens keuchend in dieser Bauchstütz-Planken-Haltung war und kurz vor dem Exitus gehaucht habe „Wieviel noch?“, sagt der doch glatt: 30 Sekunden sind jetzt vorbei. Ich brach auf der Matte zusammen und erklärte ihm dann mit hochrotem Kopf, dass der Unterschied zwischen 20 Sekunden und 30 Sekunden vielleicht nicht gravierend ist, wenn man auf der Couch sitzt und fern sieht. Wohl aber, wenn man auf Zehenspitzen und Ellenbogen, lang ausgestreckt, versucht, sein Balance zu halten. Das war der Anfang vom Ende und ich beschloss, mir eine App zu holen. Fündig wurde ich bei Gymboss – kostet genau gar nichts und ich kann meine Intervalle genauestens programmieren, sowie die Pausen dazwischen und wieviele Durchgänge ich machen möchte. Perfekt! Mindestens 2 x die Woche im Einsatz. Gibt’s auch für Android, wenn ich es richtig gesehen habe.

2. Traumaplant – Schmerzsalbe

Manchmal, wenn ich es mal wieder übertrieben habe, und 500 Meter bergab gelaufen bin, kann es sein, dass meine Knie etwas mehr Zuwendung brauchen. Dann massier ich eine kleine Portion Traumaplant ein und gönne ihnen etwas Ruhe. Bisher hat es noch bei jedem Wehwehchen geholfen. Mehrmals wöchentlich im Einsatz bei mir.

3. Blackroll – die Rolle des Schreckens

Ich möchte jetzt hier gar nicht lang erklären, was das ist, denn das können andere viel besser. Am besten ihr googelt einfach mal nach dem Wort „Blackroll“ und dann seht ihr gleich wovon ich spreche. Im Grunde genommen, kann man sich damit selbst massieren und ich tue das mehrmals pro Woche. Wenn ich es nicht vergesse. Denn manchmal würde ich es gern vergessen. Es tut nämlich weh. Zumindest bei mir. Die meisten Leute, mit denen ich mich darüber unterhalten habe, sagen, es wird besser, wenn man es ein paarmal gemacht hat. Bei mir nicht. Ich könnte jedesmal heulen vor Schmerzen. Scheinbar geht es um „verklebte Faszien“, was an sich schon total gruslig klingt. Und mit der Blackroll kann man die wieder fein fluffig rollen, damit nix mehr klebt. Das Gefühl während des Rollens ist ziemlich „bäh“. Aber danach fühlt man sich wirklich gut! Gut durchblutet, warm und entspannt. Beugt auch Verletzungen vor. Also, Augen und Mund zu (am besten geknebelt wegen der Schmerzensschreie) und durch!

4. Pferdebalsam

Erst war ich skeptisch. Schließlich bin ich Veganerin. Da schmier ich mir doch keinen Pferdeextrakt auf die Beine. Heutzutage weiß man ja nie, wo was drin ist. Aber dann habe ich entdeckt, dass der Balsam so heißt, weil er ursprünglich für Pferde entwickelt wurde. Das heißt, die lieben Vierbeiner wurden damit eingerieben. Wozu? Gute Frage, das habe ich noch nicht recherchiert, war mir aber an und für sich auch egal, wenn ich ehrlich bin. Der Mensch nutzt es dazu, schmerzende Muskeln, erschöpfte Beine, Gelenke, die weh tun und andere nette Dinge, damit einzureiben. Es riecht kräutrig-frisch, ist  kühl und zieht sehr schnell ein. Tut gut vor dem Laufen und auch danach. Meinen Balsam hab ich bei DM gekauft – aber Hersteller gibt es Tausende, wenn man so das www durchforstet.

Und dann gibt es heute noch ein paar Empfehlungen & Links, die mir grad wichtig sind: 

Anke und Timo haben eine vegane Suchmaschine realisiert und helfen damit, schneller Produkte im Dschungel des WWW zu finden. Ich finde, eine Hammer-Idee. Zu finden unter www.vegansuche.de 

Außerdem wurde ich doch glatt von einem englischsprachigen Blog interviewt zu meiner Geschichte. Die Chance habe ich mir natürlich nicht nehmen lassen. Schließlich grad in Englisch maturiert, gute Gelegenheit, dranzubleiben. Nachzulesen unter runinspired!

Außerdem hab ich mal wieder einen Podcast aufgenommen – zum Thema Superheldentraining. Vielleicht wollt ihr ja was auf die Ohren 🙂 Viel Spaß beim Anhören!

Superhelden-Podcast


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Ruhe im Kopf oder die Kehrseiten-Depression

Heute ist so ein Tag. An dem gar nix funktioniert. An dem mir mal wieder bewusst wird, dass ich ja sowas von kilometerweit weg bin von einem Marathon, dass es beinahe schon wieder lustig ist. Aber auch nur beinahe. Heute ist nämlich nix lustig. Ich bin stinkig!

Ich habe zu viele Dinge in meinem Kopf, die mich verrückt machen. Leider lässt sich das Ding einfach nicht abschalten. Möglicherweise würde es funktionieren, wenn ich Kilometer um Kilometer laufen könnte und irgendwann schaltet der Kopf ab und nur noch der Körper rennt. Problem: ich kann nicht solange laufen! Mein Hirn macht mich wahnsinnig. Ständig denkt es. Ständig!

Das ist manchmal hilfreich, aber manchmal auch nicht. Kürzlich im Fitness-Studio, lag ich auf der Matte und begann mit meinen Stabi-Übungen. Klingelt neben mir ein Handy. Nicht meins. Sportlicher Typ Nr. 1, auf der Beinpresse sitzend, beginnt zu telefonieren. Ich ringe weiter um die Stabilität meiner Körpermitte. Klingelt das nächste Handy. Wieder nicht meins. Hätte mich auch gewundert, denn meins ist aus, während ich trainiere. Halbsportlicher Typ Nr. 2, rücklings auf der Matte bei den Bauchübungen, führt ein genervtes Telefongespräch. Mich nervt‘s inzwischen auch.
Unsportlicher Typ Nr. 3 sitzt zeitunglesend auf dem Spinningbike. Bitte, das ist ja schon ein Widerspruch in sich! Spinning und Zeitunglesen sind 2 Dinge, die sich konsequent ausschließen. Zumindest sollten sie das. Und dann geschah etwas völlig Unvorhersehbares: sein Handy klingelte! Schlussendlich, saß er, zeitunglesend und telefonierend, auf einem Spinningbike und jammerte, wie anstrengend es ist, ins Fitness-Studio zu gehen. Kann ich nur bestätigen! Wenn auch aus anderen Gründen. Vermutlich.

Was ist los mit den Menschen? Gibt es heute keine Dinge mehr, die man mit ganzem Herzen tut? Oder zumindest ohne Telefon? Krafttraining oder überhaupt Training ist nicht immer Spaß und Gaudi, schon klar. Aber wenn es mich so nervt, dass ich jede Gelegenheit wahrnehme, mich davon ablenken zu lassen, läuft dann nicht was verkehrt?

Ich habe festgestellt, dass ich sogar zum Laufen eine gewisse „Grundruhe“ brauche. Mein Puls reagiert auf meine Gedanken. Wie grässlich. Denn davon fliegen viele in meinem Kopf rum. Ständig. Aber das hatten wir ja schon. Jedenfalls verläuft eine Laufeinheit sehr unterschiedlich, je nachdem, ob ich in Ruhe von zuhause weglaufe oder ob mir während der ersten 5 Minuten jemand begegnet, der meint, sich mit mir unterhalten zu müssen – oder ich denke, es wäre angebracht ein paar Worte zu wechseln. Könnte manchmal etwas unsozial rüberkommen, wenn man einfach so vorbeiprescht, mit Blick auf die Pulsuhr, ohne einen Ton zu sagen, weil das eventuell wieder ein Piepsen derselbigen auslösen könnte.

Wenn ich also jemanden treffe, der etwas Konversation pflegen möchte – und sei es nur 1-2 Sätze, die man halt so sagt, dann passiert etwas mit meinem Puls. Er schießt nach oben. Nicht gravierend, aber doch bemerkenswert. Und da bleibt er eine ganze Weile. Ungefähr so lange, wie ich in Gedanken bei derjenigen Person bleibe, die mich irgendwie aufregt. Zumindest unbewusst. Ich atme hektischer und ich komme dann einfach nicht in meinen Tritt. Das „Gespäch“ ist dann vielleicht schon 5 Minuten vorbei und ich bin schon fast 1 Kilometer entfernt (jaaaa, klar – aber nicht in diesem Universum – ich und ein 5-Minuten-Pace funktioniert nur, wenn die Gesetze der Schwerkraft auf einmal ihre Meinung ändern). So geschehen übrigens auch letzten Samstag. Mein bisher längster Lauf stand auf dem Plan: 105 Minuten. Oder 1 Stunde und 45 Minuten.

Ich hatte eine Route geplant über zig Kilometer, mit 500 Abwärtshöhenmetern und dachte, diesmal werde ich schnell(er) sein. Geht ja schließlich nur abwärts. Aber irgendwie kam alles anders. Erst das Gespräch, das mich verfolgte, der springende Puls, ein Nachbar, der mir noch mitteilte, dass er mich unglaublich fleißig findet (danke übrigens, finde ich auch, hatte nur keine Luft zum Antworten) und nach 3 Kilometern stand ich auf dem Schrottplatz.

An dem die Route, die ich noch nie zuvor gelaufen bin, vorbeiführte. Nur habe ich noch nie in meinem Leben sowas gesehen. Der Platz strahlte etwas aus, das ich ganz und gar nicht nett fand. Tod, Stillstand. Müll, Abfall. Feindseligkeit. Überall Schilder, die mir sagten, dass ich hier nichts verloren hatte – wohlgemerkt, ich war auf einem offiziellen Wanderweg unterwegs. Die ganze Atmosphäre war irgendwie gruslig. So ähnlich wie bei Stephen King‘s „Es“ und dem Schrottplatz mit dem Kühlschrank, in dem die … Ahh, nein! Schon wieder Gedanken. Aus, aus, aus. Puls also wieder nach oben und ich machte mich daran, so schnell wie möglich, dieses Gelände zu verlassen und begann meinen Abstieg der 500 Höhenmeter. Verteilt auf etwa 1-2 Kilometer. Könnt ihr euch vielleicht ungefähr vorstellen. Ich bin dann runtergelaufen. Ja, gelaufen – nicht gegangen. Und ich musste unglaublich bremsen, denn die Schwungmasse und die Schwerkraft hatten sich verbündet. Ich hätte genauso gut runterrollen können. Hätte mir einige Unannehmlichkeiten erspart. Denn, heute an Tag 2 nach dieser Tortur, habe ich eine postdepressive linke Pobacke. Die musste wohl besonders viel bremsen, wie es scheint. Jedenfalls habe ich zum ersten Mal seit langem in meinem Läuferleben wieder einmal Schmerzen. Welcome back!

Und vielleicht bin ich deswegen so stinkig. Ich kann grad nicht so laufen, wie ich es normalerweise tue. Zum Slow-Motion-Gang kommt jetzt noch ein leichtes Hinken dazu, das mir meine illusionäre Leichtigkeit und das Fluggefühl raubt. Ich fühle mich jetzt beim Laufen also so, wie ich vermutlich in Wirklichkeit schon immer aussehe, wenn ich laufe, nur dass ich es nie gemerkt habe. Dementsprechend wollten sich heute mein kreisenden Gedanken rund um telefonierende Multi-Tasking-Sportler, feindselige Schrottplätze und schmerzende Kehrseiten einfach nicht in Luft auflösen. Na gut, als Alternative bleibt dann immer noch der Blog. Müsst halt ihr unter meiner Gedankenverstopfung leiden. Bleibt nur zu hoffen, dass ich bis Mittwoch, wenn der nächste Lauf ist, etwas fitter bin und das Fluggefühl zurückkommt. Ganz zu schweigen von Samstag, für den ich nochmal so einen Downhill-Lauf geplant habe. Vielleicht kommt dann die rechte Pobacke zum Zug – dann wär‘s wenigstens wieder ausgeglichen. Denn das ist es, was grad fehlt. Ausgeglichenheit. Ich glaube, ich geh mal auf einem Bein hüpfen. Natürlich rechts. Vielleicht hilft‘s.

12 Kilometer später ...


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Wenn der Berg ruft

Dann sollte man springen. Oder zumindest sein Bestes geben und bei dem Versuch … nein, ich will das Drama nicht vorweg nehmen. Heute auf meinem Trainingsplan: ein Lauf mit 3 kleinen Berglaufeinheiten. Heißt: 3 x 6 Minuten den Berg hoch, Puls bis max. 173 (das ist meine GA3-Stufe) und zwischen den „Bergen“ wieder runterschalten auf Erholungspuls.

Man nehme dafür im Optimalfall: 2 kräftige Beine, 3 passende Berge bzw. Anstiege und 1 ausgeruhte Läuferin.

Ich hatte heute zur Verfügung: 2 Gummioberschenkel, 3 unpassende Anstiege mit teilweise hochalpinen Schneeverhältnissen und 1 ziemlich ausgelutschten Turtlerunner, nämlich mich.

Reden wir nicht lang drumherum: Ich hatte kurzzeitig das Gefühl, mitten im Geschehen, direkt und jetzt sofort sterben zu müssen. Mein Herz schlug bis zum Hals und darüber hinaus, meine Lunge gab seltsame Geräusche von sich (die nur ich hören konnte, denn natürlich übertreibe ich mal wieder ohne Ende) und meine Beine … ach ja, reden wir nicht davon.

Das war der erste Anstieg. Ganz schön ungewohnt und ich war mir nicht sicher, ob ich die nächsten beiden Anstiege überleben würde. Aber ich hatte ja meinen Turtle-Mann dabei, der hätte mich bestimmt nach Hause getragen, wenn nix mehr ging. Oder doch nicht? Ich frag lieber nicht nach und lebe weiter innerhalb meiner romantischen Illusionen …

6 Minuten sind ja sooooooo lang! Unfassbar. Der zweite Anstieg war noch fieser, weil steiler. Ich keuchte jede Minute nur noch ein Wort: „Zeit!“ Denn Zeit ist was unglaublich Wichtiges. Wurde mir heute wieder mehr als deutlich bewusst. Zeit.

Wann zum Teufel sind denn diese verdammten 6 Minuten um?

Ehrlich,  hätte ich nicht schon vor Monaten mit dem Rauchen aufgehört – heute hätte ich’s getan! Einfach so. Aus voller Brust heraus. Denn da war heute nur Luft drin und davon auch schon zu wenig. Wenn ich beim Laufen mal nicht ständig meinen Schnabel aufhabe, dann sollte man sich langsam Gedanken machen.

Heute war der stillste Lauf meiner bisherigen Karriere.

Und ich musste die ursprünglich geplante Trainingszeit von 55 Minuten überziehen. Um ganze 18 Minuten! Warum? Weil ich so langsam zwischen den Bergen, die gar keine waren, gehen musste, damit mein Puls runterkommt. Ganz schöne Berg- und Talfahrt war das heute. Alles in allem ein kleines Drama. Und ja, das ist es tatsächlich, denn in Wirklichkeit war es eigentlich halb so wild. Klar, hab ich das alles genauso zu 100% empfunden.

Aber jetzt – zuhause – nach der warmen Dusche, nach meinem Energie-Erholungs-Drink, Salat mit Kräckern, gefühlten 2 Kilo Datteln und einer Viertel Reisbohnen-Pizza mit Brokkoli, muss ich sagen:

Das war mit Abstand der coolste Lauf, den ich bisher gemacht habe!

Habe mich selten so lebendig gefühlt und gespürt, wie sehr mein Herz klopfen kann und das ich trotz allem fähig bin, einen Berg (es war in Wirklichkeit kein Berg, aber für mich war es einer) hinaufzurennen. Gut, „rennen“ ist jetzt vielleicht auch wieder relativ … aber Herrschaftszeiten, wen juckt das? Für mich und meine Verhältnisse bin ich heute 3 Berge hochgerannt. Und allein das zählt. Ein Supertag!

Foto gibt’s übrigens keins – hatte keine Zeit zu fotografieren (war ja am „rennen“) 😉