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aus dem laufalltag eines turtlerunners

Slow down – die Entdeckung der Langsamkeit

20 Kommentare

Als ich anfing zu laufen, habe ich bereits die Langsamkeit für mich entdeckt. Kein Wunder, denn viel anderes gab es für mich nicht zu entdecken. Und nach meinem letzten Wettlauf am vergangenen Samstag, begann ich wieder mal nachzudenken. Den irgendwas stimmte nicht mehr.

Ich fühlte mich nicht gut. Ok, ich war gerade erkältet und musste ein paar Tage Laufpause einlegen, was auch nicht gerade förderlich für mein Wohlbefinden war. Und so stand ich also zwischen sportlich gekleideten Menschen, die sich in 2-er Teams gruppierten und dachte mir mal wieder:

Wieso tust du dir diesen Mist eigentlich an?

Dann begann das Warmlaufen. Dann begann der Countdown der letzten 60 Sekunden und ich hörte auf, nachzudenken. Dann ertönte der Startschuss. Ich lief los, denn ich durfte die erste Runde absolvieren. 800 Meter, danach Wechsel mit dem Teampartner, der die 2. Runde lief. Ich rannte also und war nach kurzer Zeit in meinem GA3-Bereich bei rund 175 Schlägen pro Minute. Ich fühlte mich gar nicht so schlecht. Die 800 Meter waren bald geschafft und insgesamt lief ich 7 Runden, mein Mann 6 Runden. Als Team schafften wir 13 Runden für den guten Zweck und sicherten uns damit den 8. Platz in unserer Altersklasse. Insgesamt gab es neun.

Ich bin also gerannt wie der Teufel. Herzklopfen bis zum Anschlag. Und wurde mit dieser Leistung Vorletzte. Ich würde ja gern sagen, es lag an meinem Mann – aber das ist nicht so. Hätte er mich nicht an der Backe gehabt, hätte der bestimmt noch 2-3 Runden draufgelegt. Zuhause war ich dann total gestresst und überlegte mir Dinge, wie:

  • Sind bei solchen Läufen denn nur überdurchschnittlich gute Läufer dabei?
  • Oder bin ich einfach so schlecht?
  • Und wenn ich so schlecht bin, dann bin ich damit doch nicht allein auf der Welt?
  • Wo sind all die andern langsamen Läufer?
  • Nehmen die nicht an solchen Läufen teil?
  • Wieso denn nicht?
  • Trauen sie sich nicht?
  • Weil sie dann möglicherweise letzter oder vorletzter wären?
  • Was ist hier eigentlich los?

Ich habe die letzte Zeit versucht, einer Zeit hinterherzurennen, die ich (noch) nicht in der Lage bin zu schaffen. Mein Traum war es, beim Frauenlauf die 10 Kilometer unter 60 Minuten zu schaffen. Und wieso will ich das?

Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung.

Denn ich habe als langsame Läuferin angefangen und mein Wunsch war es immer, anderen langsamen Läufern Mut zu machen. Damit sie auch mitlaufen, damit wir uns gemeinsam am Ende der Wertungszeiten wiederfinden. Und das Paradoxe ist ja: Sogar wenn ich die 10 Kilometer unter 60 Minuten schaffen würde – sogar dann wäre ich nur im Mittelfeld, allerhöchstens.

Und mal ehrlich: im Mittelfeld gibt es sooooo viele! Da braucht’s mich nicht auch noch.

Ich bleibe lieber hinten, genieße meine Zeit und meine Läufe und habe viel länger was vom Wettkampf, von der Strecke, von den Leuten, von der Atmosphäre. Denn, wie ein weiser Mann kürzlich via Facebook zu mir sagte:

Warum sollte ich die Zeit, die ich damit verbringe, meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Laufen, nachzugehen, unbedingt so schnell wie möglich hinter mich bringen?

Und damit hat er sowas von recht. Und er hat mich dazu gebracht, mich wieder zu erinnern, wie ich eigentlich angefangen habe. Was „mein Ding“ war. Ich bin langsam. Und das ist gut so.

Heißt das jetzt, dass ich mich nicht mehr im grenzüberschreitenden Training der Grausamkeiten anstrengen werde? Heißt das, dass ich beim Frauenlauf nicht in der Gruppe der 60-Minuten-Ladies mitlaufen werde?

Nein, das heißt es nicht! Ich werde mich anstrengen und ich werde mit der fabelhaften Gabi als Pacemakerin beim Frauenlauf in der 60-Minuten-Gruppe starten. Aber wenn es mich zwischendrin überkommt, dass ich denke, ein wenig langsamer wäre auch ganz nett, dann werde ich dem nachgeben. Und wenn das heißt, dass die Gruppe mich abhängt, dann wird das so sein. Und wenn das heißt, dass ich ganz alleine nach 1 Stunde und 20 Minuten durch das Ziel laufe, wenn vielleicht keiner mehr da ist, dann wird das so sein. Und es wird gut sein.

Und an dieser Stelle möchte ich dem Frauenlauf-Team einen Vorschlag machen: beim nächsten Mal Frauenlauf macht doch bitte bei der 10-km-Strecke nach dem letzten Startblock D (der für die 60-Minuten-Ladies ist) noch einen weiteren. Einen Block T für Turtlerunner. Denn auf den ersten Blick könnte man meinen, nach Block D gibt es nichts mehr. Sprich, die 60-Minuten-Läufer sind sowieso schon die Langsamsten. Hätte ich nicht schon mehrjährige Erfahrung als Schlusslicht eines jeden Laufes, dann würde ich mich niemals trauen, mich für diesen Lauf anzumelden, da ich befürchtete, ich müsste mindestens in die Gruppe D passen. Aber es gibt noch so viele Buchstaben im Alphabet und es wäre schön, wenn es für die, die nicht ins Schema passen auch einen eigenen Startblock gibt.

Nix für ungut, Ladies. Einmal Turtlerunner, immer Turtlerunner! 

An dieser Stelle nochmal danke an Isa, Ariane, Ina und meinen Mann, die am letzten Samstag beim Teamlauf in Oberreitnau mit mir gekämpft haben – wir waren alle spitzenmäßig!

Girls, Girls, Girls - on the run!

 

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Autor: Judith Riemer

Ehemals diätgeschädigte Jo-Jo-Expertin mit einer riesigen Abneigung gegen Sport und Bewegung aller Art. Der Schrecken aller Turnlehrer und zuverlässige Einnahmequelle der Diätindustrie. Bis sich 2012 über Nacht alles änderte. Ein Bild im Traum und die Reise begann. Ich begann zu laufen, stellte meine Ernährung um und verlor im Laufe der Zeit rund 30 Kilo Übergewicht. Erfahrungsgemäß gehe ich als eine der letzten Läuferinnen ins Ziel, was mir den Spitznamen "Turtlerunner" einbrachte. Nach wie vor bin ich untalentiert in Sachen Sport, aber inzwischen liebe ich es, mich zu bewegen. Und weil du das auch kannst, schreibe ich hier und helfe dir, wo ich kann.

20 Kommentare zu “Slow down – die Entdeckung der Langsamkeit

  1. Hier ist noch eine langsame Läuferin 😀
    Ich glaube, viele laufen nicht mit, weil es ihnen peinlich ist, am Schluss anzukommen. Schade eigentlich, schließlich sind das Volksläufe.

    Bei meinem ersten Lauf Silvester (5 km) bin ich übrigens von ca 200 Teilnehmern auf Platz 190 gelandet – auch nicht viel besser als der achte von neun 😉 Hat aber trotzdem Spaß gemacht.

    Wie eine Laufbekanntschaft neulich passend zu jemandem gesagt hat, der meinte bei seinem langsamen Spaziergang auf unser Schneckentempo hinzuweisen: „Auf dem Sofa wird`s nicht schneller!“

    • Hallo Linda! Schön, von dir zu lesen – ich bin also doch nicht allein (nicht, dass ich das jemals wirklich geglaubt hätte). Der Spruch ist ja sehr cool, den werde ich mir merken. Vielen Dank dafür. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass doch irgendwann mehr langsame Läufer teilnehmen werden. Zumindest werde ich nicht aufhören, die Message zu verbreiten 🙂 Ist doch schön, dass es uns gibt! LG Judith

  2. Danke für diesen Beitrag! Ich habe mir gestern – wo ich nur mit Ächzen und Stöhnen vom Sofa gekommen bin – auch so meine Gedanken gemacht… Mir ging oder besser gesagt geht es wie dir: Ich habe diese Zeit im Kopf. Aber warum eigentlich? Weil ich angefangen habe, mich mit Lauftraining zu beschäftigen? Weil da 10km unter 60 Minuten so eine magische Zahl zu sein scheint? Wahrscheinlich… Irgendein wahnsinniger Ehrgeiz, der da in mir schlummert und sicher auch ein bisschen an meiner doofen Zerrung schuld ist!
    Eigentlich möchte ich doch aber das Laufen vor allem geniessen. Stolz auf mich und meinen Körper sein, die frische Lut einatmen, schwitzen und vielleicht, ja vielleicht mal über eine Ziellinie stolpern. Das werde ich auch schaffen, denn lange kann ich, nur nicht schnell. Und dann werde ich mit der Krone auf dem Kopf und knallroten Wangen ins Ziel „schweben“ und einfach nur glücklich sein…
    Sooo! 🙂

    • Genau so, Petra! Weißt du, ich denke diese magische Zahl ist schon ok, wenn sie von dir selber kommt – aber ich habe manchmal den Eindruck, das ist mehr sowas, was so allgemein in der Luft schwebt über den Köpfen der Läufer, genauso wie Marathon unter 3 Stunden. Und was du schreibst: lange kann ich, nur nicht schnell. Das ist doch super! Lieber lange, als schnell. Und wer weiß, die Schnelligkeit kommt mit der Zeit (und Training) auch von selbst dazu, ohne dass wir uns verrückt machen. Keep calm and turtle on!

  3. Ich oute mich jetzt auch mal 😊, auch ich bin eine Langsamläuferin. Schon lange, mit viel Spaß und Freude dabei. Manchmal will man mich überreden schneller zu laufen, meine Zeiten zu verbessern und manchmal will es mein Ehrgeiz “ Komm‘, die Runde schaffst Du jetzt aber mindestens 1 Minute schneller…“. Oft mache ich mir Gedanken, warum ich nicht schneller werde. Ob ich was falsch mache. Okay, ich will einfach nicht wirklich „beißen“. Ich will meinen Spaß haben dabei. Irgendwie zerrissen….Jedenfalls ist mein langsam laufen der Grund, weswegen ich noch an keinem Wettkampf teilgenommen habe. Ich glaube, das würde mich total stressen. Die „perfekten“ schnellen Läuferinnen und Läufer. Nein, lieber laufe ich sooft es geht mit meinem Hund durch die Pampa und freue mich……
    LG
    Caro…..die Deinen Blog toll findet😃

    • Hallo Caro, da hast du recht. Wettkämpfe sind wirklich Stress. Und alleine der Name beinhaltet schon das Wort „Kampf“. Was ich persönlich gar nicht mag, denn ich muss nicht kämpfen (ok, manchmal noch gegen den Schweinehund). Aber ich werde trotzdem weiterhin in den Kampf ziehen … haha! Für die langsamen Läufer und ich verstehe auch jeden, der sagt, ich tu mir das nicht an. Aber das Gefühl danach ist einfach trotzdem herrlich. Egal, wenn man nur 8. von neun wird. =D

  4. Konfuzius sagt: Es ist nicht von Bedeutung, wie langsam du gehst, so lange du nicht stehen bleibst.

    Es ist wichtig, dass wir Ziele im Leben haben, aber jeder erreicht seine Ziele in seinem individuellen Tempo. Gib deinem Körper die Chance, dass er sein Tempo selbst bestimmen kann. Laufe mit Genuss und voller Freude, denn die Zeit kommt nie mehr zurück.
    LG von Andrea Gross (Team: Bewegung und Begegnung- du findest uns auf FB)

    • Yeah, der gute alte Konfuzius. War schon ein schlauer Kerl. Mit Genuss und Freude laufen gefällt mir – hin und wieder darf natürlich ein wenig Anstrengung dazukommen, aber auch das kann Spaß machen. Danke, Andrea, für deine Nachricht – ich werd dich mal auf FB besuchen kommen 🙂

  5. je länger ich deinen blog verfolge, desto mehr kribbelt es mir in den fingern, darüber zu schreiben, wie es ist, wenn man an triathlon-wettkämpfen teilnimmt, ohne mit dem rennrad auf die welt geradelt zu sein… 🙂
    o-ton eines ü70-teilnehmers, mit dem ich mich kurz vor dem start in den frühen morgenstunden am arschkalten rhein unterhalten habe: „ich mache nur noch bei veranstaltungen mit, wo man im see oder fluss schwimmt, weil mir das spaß macht. danach kann ich einfach weiterradeln und muss an keiner ampel warten, laufe eine schöne runde und was zu trinken gibt es zwischendrin auch noch gereicht… darum nehme ich an sowas teil. vermutlich werde ich wieder letzter, aber nachher mähe ich noch den rasen und hab meiner frau was zu erzählen.“ coole socke!

  6. Auf bevegt kam neulich übrigens ein schöner Artikel über den Stress, den sich viele beim Laufen wegen der Zeit machen.
    Dort wird vorgeschlagen, die Stoppuhr einfach zuhause lassen. Ich mache das seit 2 Wochen und hab mehr Spaß beim Laufen. Der Kirchturm mit seiner Uhr muss reichen 😉

  7. Ich kenne das! Ich nahm letzten SO an einem 5000m Lauf teil. Eigentlich wollte ich mich nur damit Motivieren, aber letztlich versuchte ich doch möglichst schnell zu sein. Zwischendurch sagte ich zu meiner Begleitung „Hauptsache nicht Letzte sein!“ und dachte dann „Warum eigentlich nicht?“ Ist doch eigentlich scheißegal! Ich laufe weil es Spaß macht! Ich mag die Stimmung bei Volksläufen und man trifft immer nette Gleichgesinnte. Also warum der „Kampf“?
    Wir liefen die 5000m in 32 Minuten ohne größere Schwierigkeiten. Damit bin ich sehr zufrieden, darauf bin ich stolz. Auch wenn das für Andere ein Grund wäre beschämt mit ner Tüte auf dem Kopf rumzulaufen. Ich finds gut!
    Und ich habe für jeden geklatscht, der danach ins Ziel kam! Die meisten haben gestrahlt!
    Turtlerunnner verinigt Euch! 🙂

    • verinigt soll natürlich verEInigt heißen! Da fehlt ein Ei! 😉

    • Was für ein Schlachtruf! „Turtlerunner vereinigt euch!“ Haha, das gefällt mir – und ich kann so gut nachvollziehen, was du schreibst. 32 Minuten für 5 Kilometer, da bist du in meinen Augen eh schon einer Speed-Turtle-Medaille würdig =D Irgendwann werden wir die große Masse bei den Volksläufen übernehmen – das seh ich als meine Mission an. Und ihr hoffentlich auch! 😉

      • Hast du nicht zufällig Lust (und Zeit), ein T-Shirt zu gestalten? 🙂
        Mit Schildkröte in Laufschuhen und dem Spruch drunter? Wäre doch super!

        32 Minuten für 5 km ist auch meine Zeit 🙂

      • Heute habe ich mir die Ergebnislisten angeschaut. Ich fand ja 32 min für 5km flott!
        Meine Freundin wurde 17. von 18 und ich 19. von 19 in der jeweiligen Altersklasse! Wo waren die Turtlerunner? Was soll das?

      • Das ist genau das, was ich mich frage! Dieser Zustand muss schleunigst geändert werden 😉 Arbeiten wir gemeinsam dran!

  8. Guckt mal hier, ein passendes Bild für ein T-Shirt: http://de.fotolia.com/id/54139904

    😀

  9. Hallo,

    ich wundere mich auch immer wieder, dass ich mit meinen Zeiten so weit hinten liege.
    Bei meinem letzten Halbmarathon war ich mit 2 Stunden und 11 Minuten fünft letzte. !
    Ich glaube wirklich da starten ganz viele Ambitionierte Läufer.
    Trotzdem sollten sich Freizeitlaeufer oder die von dir so genannten turtlelaeufer nicht davon abschrecken lassen.
    Ich tu es jedenfalls nicht. 😉

    Gruß Claudia

    • Ja, Wahnsinn! Für 2 Stunden 11 Minuten da würde ich schon einiges geben … du hast recht – wir lassen uns einfach nicht abschrecken und irgendwann werden’s vielleicht dann auch mehr „langsame“ Läufer 🙂

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