veganmarathon

aus dem laufalltag eines turtlerunners

Turtlerunner 2.0

5 Kommentare

Was für ein grandioser Tag! Dabei gäbe es gleich mehrere Gründe, ihn überhaupt nicht zu mögen:

  1. es regnet wie aus Kübeln
  2. ich habe heute Matheunterricht
  3. ich habe heute Deutschunterricht und verweigert, die Hausaufgabe zu machen
  4. ich habe heute Ruhetag = kein Training!

 

An Ruhetagen bin ich meist etwas, sagen wir mal: unausgeglichen. Aber heute war ein besonderer Ruhetag.

Der Tag meiner 3. Leistungsdiagnostik seit Beginn meiner Läuferkarriere

Kurzer Überblick zum bisherigen Verlauf: 2012 im Juni startete ich mit ärztlicher Untersuchung, Rundum-Check und Leistungsdiagnostik bei rund 96 Kilogramm und mit relativ voluminösem Ausmaß. Ergebnis: eine kleine Katastrophe. Vereinbarung lautete: Walken, walken, walken – Grundlagenausdauer aufbauen.

Zeitsprung ins Jahr 2013 – Juli: inzwischen 25 kg leichter, ohne nennenswertes Training, da ich verletzungsbedingt pausieren musste, fand die 2. Diagnostik statt – Ergebnis: ernüchternd bis niederschmetternd. Trotz Gewichtsabnahme war ich nicht wesentlich fitter geworden. Wieso auch? Naja, ich hätte mir schon erwartet, dass das im Gesamtpaket irgendwie enthalten wäre à la „25 kg weniger, dafür 5 km/h schneller“. Aber so funktioniert das leider nicht. Weitere Vereinbarung: walken, walken, walken, max. 1 x pro Woche 30 min. laufen wegen der immer noch gefährdeten Hüftsehne, Grundlagenausdauer aufbauen!

Brav und stur wie ich bin, habe ich mich daran gehalten. Und heute, 8. April 2014, fand die 3. Leistungsdiagnostik im Diagnostikzentrums meines Vertrauens statt. Diesmal mit Markus, der mich bereits die letzten beiden Male schon gequält … äh, begleitet hat und Assistent Rainer. Rainer stellte kurz vor Beginn des Laufbandabenteuers fest, dass etwas nicht stimmte. „Du bist schon die Judith, oder?“ wollte er wissen. Soweit mir bewusst war, hatte sich zumindest daran nichts geändert. Ich nickte. „Da stimmt was nicht“, murmelte er. Ja wie denn? Jetzt schon? Das bei mir so manches nicht stimmte, war mir im Verlaufe der letzten beiden Jahre immer wieder deutlich bewusst geworden, aber jetzt lief das Laufband noch nicht mal! „Auf dem Formular steht zwar dein Name, aber beim Gewicht steht 96 kg. Das kann nicht sein!“ HA! Stimmt, das kann nicht sein. Nicht mehr. Markus meinte dazu: „Ja, das war einmal! Heute wird uns Judith mit sensationellen Leistungen überraschen!“

Setzte mich kaum unter Druck. Meine größte Sorge war nämlich, dass sich schlicht und ergreifend gar nichts verändert hat seit letztem Jahr. Klar, ich war weitere 5-6 kg leichter und trainierte wie jemand, dessen Lieblingsbeschäftigung das Laufen war, aber bei meinem verrückten Körper muss man sich auf alles gefasst machen. Dann ging’s los. Markus und Rainer hatten sich die Rollen derweil aufgeteilt in „guter Cop“ und „böser Cop“. Rainer, stoppte die Zeit und kümmerte sich um mein Wohlbefinden („du hast schon die Hälfte geschafft“ – „wie anstrengend ist das auf der BORG-Skala“ – „Alles ok?“), während Markus der Mann mit der Nadel war. Und die mit den Nadeln sind immer die Bösen. Alle 3 Minuten wurde mein Ohr gepikst und das Laufband um 1 km/h schneller gestellt. (Anm.: in Wirklichkeit waren natürlich beide, Rainer und Markus, sehr nett :))

Bei 9 km/h meinte Markus: „Da hast du letztes Jahr das Handtuch geworfen. Aber heut geht schon noch was, oder?“ Ja, aber wie da noch was geht, keuchte ich in Gedanken. Und rannte. Versuchte, dabei noch halbwegs elegant auszusehen.

Bei 10 km/h war mir das dann schon nicht mehr ganz so wichtig.
Bei 11 km/h fragte ich mich, wen zum Teufel es interessierte, wie man beim Laufen aussah.
Bei 12 km/h war mir klar: mich nicht!

Denn da war Ende. Zum ersten Mal für mich eine Schallmauer durchbrochen. Laufen im 2-stelligen km/h-Bereich. Das Endergebnis so toll wie Geburtstag und Zieleinlauf zusammen. Sämtliche Pulsschwellen haben sich nach oben verschoben. Puls ruhiger, Laktatwerte verbessert.

Und als Markus dann nach meiner Zielzeit für den 10-km-Frauenlauf fragte (ich habe mal ganz euphorisch 1h 10 min. angegeben), meinte er: „Ich seh mir dann dein Ergebnis ganz genau nochmal an – und wenn das nicht zwischen 55 – 60 Minuten liegt, dann aber!“

Ja klar, stresst mich auch nur unwesentlich, so eine Ansage. Wohl zuviel Zeit auf dem Laufband verbracht – ich, quasi die Erfinderin des Turtlerunnings, soll 10 Kilometer in einer Stunde oder weniger laufen? Niemals! „Doch, du kannst das. Deine Werte zeigen, dass das machbar ist. Mit einem dementsprechenden Training.“

AAAAAH! HILFE! ICH MUSS LAUFEN. ALSO SO RICHTIG.

Ich gebe zu, ich bin saumäßig stolz auf diese Entwicklung gleichzeitig schiebe ich totale Panik. Was, wenn in Zukunft die Natur nur noch so an mir vorbeifetzt, quasi in „Blurred Lines“ und ich so schnell werde, dass ich viel längere Laufstrecken suchen muss, weil die alten nicht mehr ausreichen, was, wenn ich meinen Mann abhänge, was, wenn das Laufen plötzlich total anstrengend wird für mich, was, wenn … ach, Blödsinn! Ich übertreibe mal wieder maßlos und eigentlich mach ich doch nur Quatsch, denn wir wissen doch alle, dass das sehr wahrscheinlich nicht so schnell passieren wird. Denn auch wenn ich mich enorm gesteigert habe, reicht es bestenfalls für Turtlerunning 2.o. – ob ich irgendwann mal jenseits der 10km/h-Marke laufen werde steht noch in den Sternen und auch wenn, dann passiert das nicht von heute auf morgen. Es ist eine Entwicklung. Wie die Reise zum heutigen Tag und der heutigen, tollen Bestandsaufnahme.

Ich habe gelernt: Dranbleiben lohnt sich. Langsam laufen lohnt sich. Weitermachen, durchhalten, bei jedem Wetter laufen – lohnt sich. Auch wenn du selbst die Mini-Fortschritte gar nicht so erkennst, es gibt Menschen, die das für dich tun. Das sind dann die, die zu dir sagen: „He, jetzt ist aber mal gut mit Abnehmen“, wenn du schon seit 6 Monaten dieselbe Zahl auf der Waage siehst und denkst, es tut sich nix mehr. Oder die, die am Ende einer Leistungsdiagnostik zu dir sagen: „Wahnsinn, deine Entwicklung. Einfach Wahnsinn! Du bist eine richtige Läuferin geworden, eine richtige Wettkampfläuferin.“

Das schönste Kompliment, das ich seit langem gehört habe (sorry, Schatz, aber da kannst du echt nicht mithalten 😉 !

Und das ist nicht der einzige Grund, wieso ich Fan davon bin, sich hin und wieder der Tortur einer Leistungsdiagnostik zu unterziehen – inklusive hochrotem Kopf und dunkelrot-lila verfärbtem Ohrläppchen. Die nächsten Tage gibt’s auf meiner Website (www.judithriemer.com) einen Artikel über die wichtigsten Gründe, wieso ihr das unbedingt mal mitgemacht haben müsst. Und wer mag, besucht Markus und Rainer mal auf Facebook oder ihrer Website – da findet ihr einiges an Infos, Preisen und Hintergrundwissen zum Thema Laktat & Co.

 

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Autor: Judith Riemer

Ehemals diätgeschädigte Jo-Jo-Expertin mit einer riesigen Abneigung gegen Sport und Bewegung aller Art. Der Schrecken aller Turnlehrer und zuverlässige Einnahmequelle der Diätindustrie. Bis sich 2012 über Nacht alles änderte. Ein Bild im Traum und die Reise begann. Ich begann zu laufen, stellte meine Ernährung um und verlor im Laufe der Zeit rund 30 Kilo Übergewicht. Erfahrungsgemäß gehe ich als eine der letzten Läuferinnen ins Ziel, was mir den Spitznamen "Turtlerunner" einbrachte. Nach wie vor bin ich untalentiert in Sachen Sport, aber inzwischen liebe ich es, mich zu bewegen. Und weil du das auch kannst, schreibe ich hier und helfe dir, wo ich kann.

5 Kommentare zu “Turtlerunner 2.0

  1. Sehr interessant wie sich dein Leben in nicht einmal 2 Jahren vollständig auf den Kopf gestellt hat und du bald laufen wirst wie eine junge Göttin 🙂

  2. Ich bin stolz auf dich meine Liebe. Ich hab mich am Montag zu meinem erschrecken zu einem Halbmarathon im September angemeldet und hatte schon schwitzige Hände als ich auf „bestätigen“ klickte 😀
    Das kann ja was werden.

  3. Hoffen wir´s mal 😀
    Vielleicht rennen wir ja dann zusammen doppelt so schnell *lach*

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