veganmarathon

aus dem laufalltag eines turtlerunners

Brief an meine Turnlehrerin

17 Kommentare

Liebe Elke,

in der Zwischenzeit bin ich ja erwachsen, daher nehme ich mir einfach mal das Recht raus, dich zu duzen. Außerdem ist das hier mein Blog, da kann ich sowieso tun und lassen, was ich möchte. Das war in deinen Unterrichtsstunden nicht der Fall. Erinnerst du dich noch?

Ach, was waren das schöne Zeiten! Als ich tränenüberströmt in deiner Turnstunde saß und du mich vor versammelter Mannschaft zusammengepfiffen hast, weil ich Angst hatte, einen Handstand zu machen. Als du mir erklärt hast, wie ungemein wichtig es für meinen weiteren Lebensverlauf wäre, einen Purzelbaum korrekt auszuführen. Denn schließlich wäre es wichtig, sich ordentlich abrollen zu können, wenn man auf einer Eisplatte ausrutscht. Ich kann mich noch gut an diese Argumentation erinnern … Die missbilligenden Blicke, wenn ich mal wieder die Langsamste war, das Kopfschütteln, als ich beim Weitsprung nur 1,80 Meter geschafft habe … Schön war‘s! Oder?

Ich weiß schon, dass ich dir nie gut genug war, nie hart genug gekämpft habe. Ich war dir immer zu weich. Dass ich von der Beweglichkeit her allerdings die komplette Klasse hätte in den Sack stecken können, das hat dich nie interessiert. Für dich zählte nur Leistung, Schnelligkeit, Tempo! Ja und dann saßen wir eines Tages beim Direktor. Du und ich. Mit verschränkten Armen und bockigen Gesichtsausdrücken. „Die hat angefangen“, schienen wir beide gleichzeitig zu sagen. Das war der Anfang vom Ende unserer Beziehung. Den Sportunterricht besuchte ich nie wieder – war bei einem „Genügend“ im Zeugnis auch nicht mehr wirklich nötig. Danke dafür!

Und aus diesem Grund schreib ich dir heute: Ich möchte Danke sagen!
Nämlich mir selbst. Denn ich habe es geschafft, trotz einer Lehrerin wie dir, Spaß & Freude an Bewegung und Sport zu entwickeln! Stell dir vor, ich trainiere in einem Fitness-Studio – so richtig hart mit Gewichten und so. Ich laufe sogar bei Wettläufen mit. Glaubst du das? Ja, ich bin immer noch langsam. Wusste ich‘s doch, wirst du dir jetzt denken. Aber weißt du was? Ist mir scheißegal, was du denkst. Denn es ging nie darum, Menschen wie dich stolz zu machen. Denn das, was ich geschafft habe, habe ich ganz allein geleistet. Und ich finde es wichtiger, dass man auf sich selbst stolz ist.

Das ist mir jetzt – 17 Jahre später – klar geworden. Und insofern, schick ich dir doch auch noch ein kleines Dankeschön. Denn ohne deine Art, wäre ich vermutlich nie diesen Weg gegangen. Und ich liebe den Weg!

Alles Liebe (und das meine ich so)!

Deine ehemalige Schülerin

Jeder auf seine Art!

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Autor: Judith Riemer

Ehemals diätgeschädigte Jo-Jo-Expertin mit einer riesigen Abneigung gegen Sport und Bewegung aller Art. Der Schrecken aller Turnlehrer und zuverlässige Einnahmequelle der Diätindustrie. Bis sich 2012 über Nacht alles änderte. Ein Bild im Traum und die Reise begann. Ich begann zu laufen, stellte meine Ernährung um und verlor im Laufe der Zeit rund 30 Kilo Übergewicht. Erfahrungsgemäß gehe ich als eine der letzten Läuferinnen ins Ziel, was mir den Spitznamen "Turtlerunner" einbrachte. Nach wie vor bin ich untalentiert in Sachen Sport, aber inzwischen liebe ich es, mich zu bewegen. Und weil du das auch kannst, schreibe ich hier und helfe dir, wo ich kann.

17 Kommentare zu “Brief an meine Turnlehrerin

  1. Oh Judith,
    ich kann es aus tiefstem Herzen nachempfinden. Schulsport war immer ein Graus für mich und entsprechend sah es auch im Zeugnis damals aus.
    Tja, und heute?!!?
    Ähnlich wie bei dir: Wettläufe, Fitness-Studio mit Krafttrainig, mehrere Stunden Gassi am Tag und Spaß daran!!

    Liebe Grüße
    Melanie

    • Hallo Melanie! Oh, wie schön – eine Gleichgesinnte! Ist schon seltsam, dass einem der „richtige“ Lehrer erstmal einiges mies macht, bevor man dann selber rausfindet, dass man doch gar nicht so schlecht ist und sogar Spaß dran haben kann. Vielleicht nicht im Maßstab zu den anderen (wie in meinem Fall), aber doch für sich selbst. Und ich finde einfach, Schulsport, sollte Freude an der Bewegung vermitteln, damit das Kind/Jugendliche einfach sein Leben lang dranbleibt. Aber zum Glück, haben wir uns selber da rausgeholt, oder? Liebe Grüße! 😉 Judith

      • Ja Judith, wir haben es da raus geschafft!
        Beim Thema Schulsport gehen mir immer wieder die Nackenhaare hoch. Vor einiger Zeit habe ich eine Gruppe Geländeläufer im Turnierhundesport so locker trainiert und es waren überwiegend Jugendliche mit ihren Hunden. Viele hatten zu Beginn wenig Freude am Laufen und sahen es nur als eine „Pflichtdisziplin“ und erzählten eben von den Schulsporterfahrungen. Nach ca. drei Monaten hatten alle Teilnehmer Spaß am Laufen, sind privat sogar mal freiwillig losgelaufen und haben alle ihre Zeiten und Ausdauer verbessert, was keiner von ihnen für möglich hielt, da sie ja alle glaubten das sie einfach nicht zum Laufen gemacht sein 😉

        Liebe Grüße
        Melanie

      • Schön! Das gefällt mir richtig gut, Melanie – danke für dein Feedback!

  2. Ich würde nur zu gerne Ihre Reaktion erfahren falls sie es liest :))

    Aber echt toll, dass du dich da selbst herausgekämpft hast und Spaß an der Bewegung gefunden hast. Einmal angefangen möchte man aber eben auch nicht mehr stoppen…

    • Markus, DIE Reaktion würde mich auch interessieren … haha! Aber ich fürchte, sie liest meinen Blog nicht, geschweige denn, dass sie sich erinnert, wer ich bin. Obwohl, unsere Streitigkeiten waren schon nicht ohne. Sollte ich jemals ein Feedback bekommen, kriegt ihr natürlich Bescheid! 😉

  3. Für mich war Schulsport immer eine willkommene Abwechslung im Schulaltag. Das lag daran, dass ich mich immer schon gerne bewegt habe und dadurch einer der Besten war. (ausser bei der Beweglichkeit 😉 ) Der Leistungsdruck war allerdings schon sehr hoch und das hat sehr viele Mitschüler stark demotiviert. Die Freude an der Bewegung sollte im Vordergrund stehen. Den Purzelbaum lernt man dann wie von selbst. Ich hatte immer Angst mir beim Rückwärtspurzelbaum das Genick zu brechen.
    Manchmal denke ich mir allerdings: „Wenn ich damals schon vegan gewesen wäre, hätt ich noch besser sein können!“

  4. bei mir war es genau anders,ich fühlte mich nur im sport wohl,war mein lieblingsfach,weil nur da war ich was besonderes,weil ich gut war.und heute liebe ich noch sport,kann aber mit meiner mittelmäßigkeit nichts mehr anfangen,bin mir nie gut genug.womöglich gelingt es mir diese haltung gegen mich abzulegen.trainiere für meinen ersten lauf und weiß,dass ich mit meiner mittelmäßigkeit klar kommen muss.wenn ich letzte bin,werde ich an dich und deinen mut denken,ehrlich.

    • He Cordula – Mittelmäßigkeit kann doch auch einfach bedeuten, dass du in vielen Dingen einfach OK bist. Und wenn du dann von dir selbst behaupten kannst, dein Bestes gegeben zu haben, dann reicht das. Ich hatte eine Zeitlang mein Facebook-Headerbild mit dem Spruch „Mein Bestes ist gut genug“. Und es ist tatsächlich so. Mehr braucht es nicht. Ich wünsch dir viel Spaß bei deinem ersten Lauf und nun Mittelfeld, Erster oder Letzter – lauf einfach für dich! Dann ist es nie umsonst 🙂 LG Judith

  5. Oh, das kann ich soo gut nachvollziehen. Das hast du sehr schön beschrieben. Im Schulsport war ich sportlich immer irgendwie im Mittelfeld. Es gab schlechtere aber auch wesentlich bessere, und die wurden schon irgendwie als „shining star“ behandelt. Da hat man sich automatisch schlecht gefühlt daneben. Und ich weiß noch sehr gut, dass meine Eltern mich so mit zehn Jahren im Turnverein angemeldet haben, weil sie meinten, es würde mir nicht schaden. Wir waren damals neu zugezogen und ich habe niemanden gekannt. Ich habe Hochdeutsch gesprochen und die anderen Schwäbisch. Man mußte so eine Art Staffellauf machen, im Vierfüßlerstand mit dem Rücken nach unten und noch einen Ball mitschubsen. Ich konnte das überhaupt nicht und meine „Mannschaft“ hat mich „angefeuert“: „Lahme Ente, lahme Ente“. Das sind Gefühle, die man das ganze Leben nicht vergißt. Ich bin nie wieder hingegangen…
    Ich weiß auch noch, wie unangenehm es war, wenn in der Schule für Völkerball“gewählt“ wurde und man selbst immer unter den letzten drei war… Es wäre zu schön, wenn wir heute unseren Lehrern sagen könnten, welche Entwicklung so mancher von uns genommen hat. Das gilt übrigens nicht nur für Sport. Die damals schönsten und beliebtesten Mädchen würden heute teilweise keinen Blumentopf mehr gewinnen. Andere werden immer attraktiver und schöner (auch innerlich!!). Es hat halt nur länger gedauert. Dafür haben die aber auch länger was davon. 🙂
    LG Eva

    • Danke, Eva! Schön, dass du das mit mir (uns) teilst. Ich bin überrascht aufgrund der vielen Rückmeldungen, dass doch viele von uns ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Einerseits gut zu wissen, dass man mit solchen Dingen nicht alleine ist – andererseits schade, es hätte anders sein können. Aber jetzt machen wir das Beste draus! =D

  6. Hallo veganmarathon,
    mir ging es so, ich war im Sport auch Mittelfeld, ausserdem hatten mich die Eltern- ähnlich wie bei Eva – zum Turnverein angemeldet. Das Schlimme daran war, dass mein Vater in dem gleichen Turnverein früher geturnt hatte und auch bei Wettkämpfen im Turnen- also Reck, Balken etc sehr gut war,während ich mich abquälte am Stufenbarren nie hochkam….
    Irgendwann hatte ich dann die Schnauze voll und ging nicht mehr hin. Später, als wir einen Hund hatten, begann ich mit Waldlauf( so nannten wir das vor 30 Jahren!!! 🙂 ) das hat mir dann mehr Spass gemacht, ebenso Schwimmen und Radfahren, auch wenn ich darin auch nicht schnell bin. Ein paar Jahre hatte ich dann ausgesetzt als ich schwanger war und bis unser Junge so 5-6 war, dann fing ich an unserem neuen Wohnort wieder an zu laufen.(ca.ab 1996) und 2003 habe ich dann den ersten Marathon in Frankfurt mitgemacht, aber eben auch nicht schnell 4,5 Stunden. aber was solls, man ist ja auch nicht mehr die jüngste. Im Moment laufe ich eher alleine, am WE morgens, sonst je nach Jahreszeit auch nach der Arbeit.
    So dass genügt jetzt erst mal für heute

    • Liebe Gabi! Danke für deine Geschichte – schön zu lesen, dass du trotz allem deinen Zugang zur Bewegung gefunden hast. Super! Und wenn du meinen Blog kennst, dann weißt du ja, wie ich zum Thema Schnelligkeit stehe 😄 Hauptsache dabei – und in Bewegung! Liebe Grüße, Judith

  7. Mensch, ich find deinen Brief richtig toll. Mir gings genauso wie dir. Ich hatte immer ne 4. War echt immer die schlechteste und Gruppensportarten waren echt das schlimmste ueberhaupt. Ich hatte total den Spass am Sport verloren und ja dafuer mache ich meinen Lehrer verantwortlich. In der Schule wird einfach Wert auf das falsche gelegt. Es sollte doch darum gehen sich sportlich zu betaetigen. Hauptsache man tut irgendwas, ob nun schnell oder weit genug oder sonst was…

    • Hi du! Danke fürs Feedback – sehe ich genauso. Die Bewegung an sich sollte im Vordergrund stehen und es sollte den Schülern der Spaß daran vermittelt werden. Nicht noch mehr Leistungsdenken. Reicht doch, dass man für den Schmarren benotet wird. Ich finde, der Sportunterricht sollte der Ausgleich zum geistigen Unterricht sein und der muss einfach Spaß machen dürfen. Schade, dass es immer noch nicht so ist. Aber es gibt bestimmt den ein oder anderen Lehrer, der das kapiert hat und dessen Schüler sich auf den Turnunterricht freuen. Und jetzt sind wir ja selber groß und können tun und lassen was uns Spaß macht – ohne dafür benotet zu werden. Zumindest im Freizeitsport 🙂 LG Judith

  8. Liebe Judith,
    wie sehr mich dieser Beitrag an mein eigenes Schicksal erinnert.
    Hatte ich doch viele Jahre lang eine pädagogische Doppelnull als Sportlehrerin. Ihr vernichtendes „DAS WAR NICHTSSSSS“ klingt immer noch in meinen Ohren, obwohl es mehr als 25 Jahre her ist. Sie hatte ihre Lieblinge – die aus dem Turnverein, die schon alles konnten – und die Anderen, denen sie etwas hätte beibringen sollen, was ihr aber offenbar zu mühsam war. Ich hatte vor jedem Sportunterricht unter dieser Tante Bauchgrummeln.

    Erst viele Jahre später habe ich den Sport für mich entdeckt und meinen ersten Marathon bin ich mit 40 gelaufen. Noch immer traue ich mir jedoch fast nichts zu und gehe bei jedem Wettkampf auf Nummer sicher – Ja nichts riskieren, ich könnte ja scheitern und ein „DAS WAR NICHTSSSSS“ ernten… 😦

    Viele Grüße
    Tine

    • Liebe Tine! Boah, schlimm wie sich sowas verankert … ich konnte grad richtig mit dir mitfühlen, als ich deine Geschichte gelesen habe. Wahnsinn. Das mit dem „Sich-nichts-zutrauen“ kann ich übrigens voll unterschreiben. Ich laufe zwar, aber trotzdem ist es noch im Kopf, dass ich nie „gut“ sein werde. Wobei ich mich fragen sollte, wer denn eigentlich entscheidet, was „gut“ ist. Wir haben noch was zu lernen 🙂 Laufen hilft. Danke für deine Geschichte! LG Judith

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