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aus dem laufalltag eines turtlerunners

An alle Turtlerunner da draußen – Bericht Vollmondlauf

12 Kommentare

Vorweg möchte ich euch eines sagen, meine lieben Mit-Turtlerunner: die Welt braucht euch. Jedes Rennen, das in eurer Nähe ausgetragen wird braucht euch.

Für alle, die nicht wissen, was oder wen genau ich meine, hier eine Definition: 
Turtlerunner sind die Läufer, die als letzte durchs Ziel gehen. 
Es sind die, die für dieselbe Strecke doppelt so lange brauchen, wie die richtig guten Läufer. Es sind die, denen nichts geschenkt wird. 
Es sind die, die für eine Halbmarathon-Vorbereitung ein Jahr brauchen, statt drei Monate. Es sind die, deren Puls beim Schuhe zubinden schon über 110 steigt. 
Es sind die, deren Pace beim ruhigen, langen Lauf über 9 Minuten liegt.

Ja, diese Läufer gibt es. Und sie sind sehr wichtig. Ich gehöre auch dazu.

Und wieso sind wir so wichtig? 
Wieso sollten bei jedem Lauf, der irgendwo stattfindet auch die Turtlerunner vertreten sein?

Ganz einfach: Weil wir damit anderen Menschen Mut machen, es auch zu versuchen.
Weil es keine Schande ist, langsam zu sein und das zu zeigen. Weil wir mental um einiges mehr aushalten müssen als die Speedies des Rennens. Wieso das?

Weil wir neben der körperlichen Anstrengung auch noch den psychischen Kraftakt meistern müssen, die letzten zu sein. Als letzte vor dem Fahrradfahrer herzulaufen, der das Feld von hinten aufräumt. Der bremsen muss, weil wir so langsam sind. Vom Sprecher im Ziel als „die letzten“ angekündigt zu werden. Von überholenden Läufern auf die Schulter geklopft zu werden mit einem „Auf geht‘s!“ während wir schon beinahe das Licht am Ende des Tunnels sehen. Wir müssen oft doppelt so lange laufen wie alle anderen, um dieselbe Strecke zu schaffen. Und das tun wir nicht, weil wir so gemütlich laufen, dass wir nebenher noch lustig schwatzen können – nein, wir tun das und sind dabei an unserem Limit. Wir laufen mit 175 – 180 Puls über 10 Kilometer.

Wenn es uns nicht gibt, wenn wir nicht an Rennen teilnehmen, dann werden es immer die „begnadeten“ Leistungssportler oder begabten Hobbysportler sein, die teilnehmen. Ich bin der Meinung, jedes Rennen braucht seine Turtlerunner-Fraktion. Denn so trauen sich vielleicht auch diejenigen mitzulaufen, die bisher immer dachten: „Da sind doch nur die Guten, das wär total peinlich für mich, da mitzulaufen.“

Scheiß auf peinlich!

Jeder Schritt zählt. Mitmachen. Mitlaufen. Spaß haben. Und wenn dir bei Kilometer 5 von 10 mitten im stockfinsteren Wald die Taschenlampe verreckt, dann läufst du weiter. Und du lachst dabei! Du läufst für dich selbst und für die anderen. Du läufst für alle, die sich (noch) nicht trauen mitzulaufen, weil sie für die Allgemeinheit zu langsam sind. Und wenn du dann nur noch 2 Kilometer vor dem Ziel bist und den Sprecher und die Leute schon hören kannst, die am Ziel auf die letzten warten, dann gibst du nochmal Gas. Du spürst zwar die Beine kaum mehr, aber ein bisschen was geht noch. Und wenn dann plötzlich einer der Speedies – die schon 40 Minuten vor dir im Ziel waren – zurückkommt, um dich auf dem letzten Kilometer zu begleiten und zu unterstützen, dann ist das schon eine ziemlich geile Sache! (Danke Thomas – es hat mir sehr viel bedeutet!)

Ich hatte gestern das tollste Rennen, das ich bisher gelaufen bin. Ich bin Vorletzte geworden und stolz darauf. Meine Freundin hat den letzten Platz belegt und darauf bin ich genauso stolz – denn wir haben gekämpft! Und ich wage zu behaupten, dass wir beide mehr kämpfen mussten als die meisten, die in besserer Form sind.

Sollten wir uns jetzt verstecken und nicht mehr mitmachen bei solchen Rennen? Nein, ich finde nicht. Jetzt erst recht! Und ich hoffe, durch unsere Lauf-Zeit traut sich vielleicht der ein oder andere nächstes Jahr auch mitzumachen, weil er sieht, dass da nicht nur Profis und Hobbysportler laufen. Sondern eben auch Turtlerunner.

Und ich verspreche an dieser Stelle eines: sollte ich jemals rauskommen aus der Turtlerunner-Klasse und vielleicht irgendwann mal zu den Speedies gehören, dann wird es mir eine Ehre sein, jährlich an 1-2 Rennen teilzunehmen und einen Turtlerunner in seinem Tempo ein ganzes Rennen lang zu begleiten.

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Autor: Judith Riemer

Ehemals diätgeschädigte Jo-Jo-Expertin mit einer riesigen Abneigung gegen Sport und Bewegung aller Art. Der Schrecken aller Turnlehrer und zuverlässige Einnahmequelle der Diätindustrie. Bis sich 2012 über Nacht alles änderte. Ein Bild im Traum und die Reise begann. Ich begann zu laufen, stellte meine Ernährung um und verlor im Laufe der Zeit rund 30 Kilo Übergewicht. Erfahrungsgemäß gehe ich als eine der letzten Läuferinnen ins Ziel, was mir den Spitznamen "Turtlerunner" einbrachte. Nach wie vor bin ich untalentiert in Sachen Sport, aber inzwischen liebe ich es, mich zu bewegen. Und weil du das auch kannst, schreibe ich hier und helfe dir, wo ich kann.

12 Kommentare zu “An alle Turtlerunner da draußen – Bericht Vollmondlauf

  1. Toller Text, tolle Leistung, tolle Frau!
    Ich in sooo stolz auf Dich!
    Weiter so!
    🙂

  2. Sehe ich genauso! Motivation ist was zählt. Man muss nicht immer gewinnen, es geht um den Weg und den Spaß und vor allem die Endorphine, die einen beim Laufen berauschen 🙂
    Aber, dennnoch eine Frage von einem Nicht-Turtelrunner und auch keinem Speedy, sondern einer Mittelfeldläuferin: Auf die Schulter klopfen ist okay, oder?

  3. Super Beitrag, beim meinem 1. 10 km Lauf vor 2 Wochen ging es mir ähnlich. Das einzige, was zählt, ist der Spaß am Laufen. Als Letzte(r) erlebt man Dinge, die die Schnellen nicht erleben. Dazu gehört auch, vom Fahrradfahrer verfolgt und angetrieben zu werden 🙂

  4. Du hast es auf den Punkt gebracht.

    Und wenn Du irgendwann ein Speedturtle bist, dann freu Dich drauf jemanden zu begleiten.
    Judith glaub mir, jemanden zu begleiten ist eins der tollsten Sache der Welt.

    Aber es gibt dann immer wieder eine möglichkeit ein Turtel zu werden.
    Man macht einfach ne längere Distanz oder wird ein Triathlet.

    Hauptsache man läuft 😀

    Mach weiter so.

    LG Sören

  5. Pingback: Mut zum Turtle-Run | SoerUn

  6. Ich hab im Nachgang zu meinem ersten 10 km-Lauf letzten Samstag nochmal deinen Artikel gelesen und fand ihn erneut sehr tröstlich! Dein Artikel hat mich überhaupt ermutigt, mich zu dem Lauf anzumelden bzw. die 10 km zu probieren und nicht wie letztes Jahr 5 km laufen. Letztes Jahr war mein allererster Lauf überhaupt, da war ich schon mächtig stolz auf mich. Da bin ich allerdings nicht die drittletzte gewesen wie dieses Mal… Vielen Dank für die stetige Ermutigung, liebe Judith!

    • Liebe Anne! Danke für deine Nachricht – ich find’s großartig, dass du dich getraut hast. Und Drittletzte, Vorletzte oder Letzte: egal! Du warst dabei und bist somit ein leuchtendes Beispiel für alle, die sich (noch) nicht trauen. Wir müssen die Fahne hochhalten, denn sonst wird es keiner tun. Und ich denke, früher oder später werden wir mehr werden. Daran glaube ich ganz fest. Und das war schon meine Lieblingszeile im Disney-Film „Bernard und Bianca“: „Wenn du ganz fest an etwas glaubst, dann wird es wahr!“. So, also denn let’s run and turtle on 🙂 Alles gut, so wie es ist! Danke für’s Laufen und deinen Mut, Anne!

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